OKTOBER/NOVEMBER 2026
Bohnen, Krisen & Kontore Der Überseehandel hat Hamburgs Wirtschaft geprägt. Kaffee spielte dabei eine gewichtige Rolle – auch in den stürmischen Tagen von 1799. Historische Statistiken Wie viel Tabak, Zucker, Kaffee & Co. importierte Hamburg einst? Die „Admiralitäts- und Convoygeld- Einnahmebücher“ verzeichnen zoll- pflichtige Einfuh ren aus Orten im Westen der Schel de von 1733 bis 1798, ohne Tran- sitgut. Zu 1845 bis 1911 informieren die „Tabellarischen Übersichten des Hamburger Han- dels“ ( www.t1p. de/handel-hh- hist ), zu den Jah- ren 1856 bis 1913 auch die Jahres- bücher der Han- delskammer ( www.t1p.de/jahr buch-hk-hist ). Verband Der Deutsche Kaf- feeverband e.V. vertritt die Inte ressen der Bran- che – von Kaffee- händlern und -maklern über Röstereien, Ma- schinenhersteller und Logistiker bis hin zu Laboren und Nachhaltig- keitsorganisatio- nen. Er entstand 1969 als Zusam- menschluss des „Vereins der am Caffeehandel be- theiligten Firmen“ (gegründet 1886), des „Vereins der Hamburger Caf- feeimport-Agen- ten und -Makler“ (1888) und des „Vereins der Kaf- fee-Grossröster und -Importeure“. Terminkontrakte an der 1925 wiedereröff- neten Hamburger Kaffeebörse: Neben Santos aus Brasilien wurden auch Kaffee- bohnen aus Mittel- amerika gehandelt. teil der Überseeeinfuhren lief dabei über Frankreich; das hiesige Geschäft dominierten hugenottische Un- ternehmer wie Pierre Boué (mit eigener Werft auf demGrasbrook) und Pierre His, in den 1750er-Jahren der größte Zuckerimporteur der Hansestadt. Vom Boom zum Crash Mit demSklavenaufstand auf Saint-Domingue (heute Haiti) entfiel 1791 eine zentrale Quelle für Zucker und Kaffee, die insbesondere von den britischen „West Indies“ abgelöst wurde. Ab 1795 übernahm Hamburg zudem zeitweilig die Rolle des französisch besetzten Amsterdams als Finanzzentrum. Der Wert der über England und die USA nach Hamburg verschifften Waren stieg rasant – von 1794 bis 1798 allein für Kaf- fee von etwa 700 000 auf fast 16 Millionen Mark Banko. In der Hoffnung auf weiter steigende Preise ordertendieKaufleute immer höhereMengenauf Kre- dit – bis derMarkt überhitzte und die Blase platzte. Schon im Herbst 1798 kam es zu Liquiditätspro- blemen, auch weil Ware in London wegen des frühen Winters feststeckte. Als der Schiffskonvoi im Früh- jahr 1799mit Massen an Kaffee, Zucker und Tabak im Hafen eintraf, stürzten die Preise. Da zudem der Markt in Süddeutschland versperrt war, konnten die W as hat die Elphi mit Kaffee zu tun? Klar, auch dort wird der edle Tropfen ausge- schenkt – und vielleicht erklingt dort ir- gendwann einmal Bachs berühmte „Kaffeekantate“ von 1734, in der ein gewisser Herr Schlendrian seiner Tochter den Bohnengenuss austreiben will. Vor allem aber steht die Elbphilharmonie buchstäblich auf ei- nemeinstigenKaffeespeicher: dembis 1990 genutzten „Kaispeicher A“. 2019 feierte der Deutsche Kaffeever- band sein 50. Jubiläum denn auch stilgerecht im Gro- ßen Saal des Konzerthauses, und Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher rühmte Hamburg als „wichtigste Drehscheibe für denKaffeehandel inEuropa“. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. An der Trostbrücke entstand zwar 1677 das zweite Kaf- feehaus in deutschen Landen, bis in die 1770er-Jahre hinein war die Stadt aber vorwiegend ein Umschlag- platz für Rohrzucker. In den 1730ern machte dieser wertmäßig rund ein Drittel aller zollpflichtigen see- wärtigen Einfuhren aus, Kaffeebohnen nur knapp 6 Prozent. Doch der Anbau in den französischenPlan- tagen und der europäische Kaffeekonsum wuchsen stetig –wie auchHamburgs Rolle als Transit-Hub. In den 1780ern bestritt Rohkaffee schon gut ein Viertel des Wertes der verzollten Importe. Ein Groß- HAMBURGER-WIRTSCHAFT.DE 44 FOTOS: AMERON HAMBURG HOTEL, DEUTSCHE FOTOTHEK/GERMIN Kaffee- konsum Kaffee war lange Zeit ein Getränk der Oberschicht, wurde mit der In- dustrialisierung aber breiteren Kreisen zugäng- lich. Der Pro- Kopf-Jahreskon- sum in Deutsch- land stieg zwi- schen 1840 und 1900 Schätzun- gen zufolge von 1,01 auf 2,69 Kilo. Zahlreiche Firmen boten ihren Mit- arbeitenden Kaf- fee an. 1887 kom- mentierte die Kammer: „Ist es doch allgemein anerkannt, dass es kein gesünderes, die Arbeitskraft stärkendes Ge- tränk giebt als Caffee, und ge- hen die Bestre- bungen sowol der Regierungen als auch der Privaten dahin, dem unheil- vollen Schnaps- genuss durch An- lage von Caffee- küchen entgegen zu arbeiten.“ Buchtipps Die Finanzkrisen des 18. Jahrhun- derts beschreibt Margrit Schulte Beerbühl: „Auf demWeg in die Moderne“, 2023 (Download gratis unter www.t1p.de/ Weg-Moderne ). Zum Kaffeehan- del im Kaiserreich informiert Julia Laura Rischbieter: „Mikro-Ökonomie der Globalisie- rung“, 2011. Ein Porträt der Hamburger Kaf- feeimporteure im 20. Jahrhundert gibt Dorothee Wierling, „Mit Rohkaffee han- deln“, 2018. Bis in die 1970er-Jahre sortierten Kaffeeverleserinnen die Bohnen. Schon 1896 organisierten sie einen großen Streik. FELIX SCHOEN (zuvor immer wieder gestreckten) Kredite undWech- sel bald nicht mehr bedient werden, die Insolvenzen häuften sich. „Am Freitage fallierte ein Haus mit 1,400,000, heute eins mit 1,800,000, ein anderes mit 700,000 und ein drittes mit 380,000 Mark Banko“, notierte die „Allgemeine Zeitung“ am 28. September 1799. Allein bis November fielen der „Hamburger Spekulationskrise“ mehr als 50Häuser zumOpfer. Globalisierung und Gründungsfieber Nach Krieg, Elbblockade und Besatzung nahm der Direkthandel mit Übersee ab den 1820ern wieder zu. Eisenbahnen, Dampfschifffahrt und Telegrafie glo- balisierten das Geschäft; von 1845 bis 1902 stiegen die Hamburger Rohkaffee-Einfuhren von 31 900 auf 217 200 Tonnen. Immermehr Firmenwaren amHan- del beteiligt: Reedereien wie die HAPAG (ab 1847), Makler, Banken, Versicherer und ab den 1890ern auch Großröstereien traten neben die Kaffee-Großhändler, die sich 1886 als Kaffee-Verein organisierten. Auf dessen Initiative entstand 1887 die Kaffee- börse, an der nur Vereinsmitglieder handeln durften – erstmals in Hamburg auch mit Terminkontrakten, „weil Havre in Folge des dortigen Terminhandels un- seren Platz als Kaffeemarkt zu überflügeln drohte“, so die Handelskammer. Die Branche sicherte damit preisliche Risiken ab und strich nebenbei Spekulati- onsgewinne ein. Allein 1888 schloss man Kontrakte auf rund 990 000 Tonnen Rohkaffee, 233 Prozent der Welternte von 1888/89. Eine „Waaren-Liquidations- Kasse“ übernahm deren Verwaltung und garantierte die Erfüllung der Verbindlichkeiten. So lässt sich „un- solide Spekulation fernhalten“, hoffte die Kammer. Kaffee war auch der Hauptlagerartikel in der 1888 eröffneten Speicherstadt im Freihafen, wo die Branche sich bald amöstlichen Sandtorkai ballte. Die neuen Speicher waren direkt per Schiff erreichbar – und boten Finanzierungsvorteile, betonte die Kam- mer. Sie ermöglichten, „dass grössere Waarenpöste unter Verschluss der Lagerhaus-Gesellschaft depo- nirt und mit absoluter Sicherheit von Kapitalisten und Banken beliehenwerden können“. 1898 entfielen rund 38 Prozent der europäischen Kaffee-Einfuhren auf Hamburg. Die Stadt war neben New York der weltgrößte Importhafen für Brasilien- Kaffee. Edlerer Kaffee kam vor allem aus Guatemala, wo Hamburger Händler von 1889 bis 1897 allein fünf große Plantagengesellschaften gründeten – und der US-Konsul bald vor „teutonischemEinfluss“ warnte. Krieg und Wiederaufbau Im Ersten Weltkrieg brach der Kaffeeimport zusam- men. Am 30. Juli 1914 schloss die Kaffeebörse; imSep- tember verbot London die traditionelle Abwicklung der Geschäfte über britische Banken. Anfangs kamen noch Bohnen über Schweden und die Niederlande, doch ab März 1917 musste man sich an Muckefuck ge- wöhnen – und das Geschäft erholte sich erst 1924. Danach baute die Stadt ihre Stellung im Zwi- schenhandel sogar aus. Überproduktionskrise, Bör- sencrash (1929) und Bankenkrise (1931) bewirkten zeitweilige Einbrüche, die Lage ließ sich aber stabili- sieren – auch dank der gezielten Vernichtung von Millionen Kaffeesäcken in Brasilien. Unter den Nazis wurde der Kaffeehandel durch Devisenkontingentie- rung erschwert, und ab Juni 1934 gab es Einfuhrer- laubnisse nur im Gegenwert deutscher Lieferungen ins jeweilige Land. Da Brasilien sich darauf einließ, lief der Import weiter, bis der Zweite Weltkrieg ihn komplett zumErliegen brachte. Ab den 1950ern nahm der Kaffeehandel dann wieder kräftig Fahrt auf. Heute treffen in Hamburg geschätzt 700 000 Tonnen Kaffee jährlich ein; 479 100 Tonnen wurden 2024 eingeführt. Und hier sitzen auch einige der größten Player der Branche. Etwa die Neumann Kaffee Gruppe (Umsatz 2024: rund 4 Milliarden Euro), die alle Teile der Lieferkette abdeckt, und der Tchibo-Konzern, der bekannter- weise schon lange nicht nur Kaffee verkauft. Oder auch J.J. Darboven, deren Gründer Johann Joachim Darboven 1866 erfolgreich eine neue Ver- marktungsform erprobte: Als Erster verschickte er geröstete Kaffeebohnen per Post, 1869 bereits 144 Sorten. Ab 1927 verkaufte die Firma besonders ver- träglichen Kaffee („IDEE“) nach einem patentierten Verfahren – und setzt schon seit 1993 auf FairTrade. Doch zur Kaffeestadt Hamburg gehören auch die vielen kleinen Kaffeeröstereien, die sich auf edle Sor- ten spezialisiert haben, die Cafés, Restaurants – und alle, die Kaffee befördern, vermarkten oder kontrol- lieren. Hamburg bleibt Kaffeestadt – undwie sang doch Liesgen in Bachs „Kaffeekantate“: „Ei wie schmeckt der Kaffee süße, lieblicher als 1000 Küsse.“ WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 45 KAFFEE STADT
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