OKTOBER/NOVEMBER 2026
einen engen Austausch. Mögliche Engpässe betreffen nicht nur Transportkapazitäten, sondern auch qualifiziertes Personal. Was schlägt der VDR vor, um Tonnage und Personal für eine resiliente Schifffahrt zu sichern – und welche Rolle kann ein Standort wie Hamburg dabei spielen? Wir brauchen planbare steuerliche Rahmenbedingungen, weni- ger Bürokratie, eine verlässliche Förderung der Ausbildung und gezielte Unterstützung bei der Dekarbonisierung. Maritime Be- rufe benötigen mehr Sichtbarkeit, und es bedarf einfacherer Visaverfahren für Fachkräfte aus dem Ausland. Das ist eine na- tionale Aufgabe, die alle deutschen maritimen Standorte ein- schließt. Hamburg kann als bedeutender Reederei-, Ausbil- dungs- undWissensstandort einen wichtigen Beitrag leisten. Stichwort Visa: Wie international ist das Personal an Bord deutscher Schiffe? Schifffahrt ist eine internationale Branche, und genauso inter- national ist auch die Beschäftigtenstruktur. Tatsächlich rekru- tieren deutsche Reedereien ihr Schiffspersonal in vielen Län- dern. Am stärksten an Bord vertreten sind philippinische Seeleute. Deshalb gibt es auch sehr viele Trainingszentren auf den Philippinen, um Beschäftigte auf dem Stand der Technik zu halten und sie auf neue Anforderungen vorzubereiten – etwa im Zuge der Transformation zur Klimaneutralität und beimUmgang mit neuen Kraftstoffen. Der VDR hat einen maritimen „Seedienst“ als freiwilliges ziviles Nachwuchs- und Reserveprogramm vorgeschla- gen. Gibt es aus der Hamburger Wirtschaft konkrete Si- gnale, wie sie den Aufbau unterstützen würde? Sicherheit bedeutet nicht nur, sich verteidigen zu können. Si- cherheit bedeutet auch, versorgt zu sein. Die Idee ist, jungen Menschen für eine begrenzte Zeit praktische Erfahrungen an Bord und erste maritime Qualifikationen zu ermöglichen. Das könnte Nachwuchs gewinnen und zugleich diemaritime Perso- nalbasis in Deutschland verbreitern. Wenn eine allgemeine Dienstpflicht diskutiert wird, sollte ein solcher Seedienst auch als zivile maritime Option berücksichtigt werden, um eine ma- ritime Reserve aufzubauen. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall sollten qualifizierte Seeleute außerdem möglichst dort eingesetzt werden, wo sie den größten Beitrag leisten können: auf den Schiffen. Unsere Konzeptidee haben wir Ende April auf der Nationalen Mariti- men Konferenz in Emden vorgestellt, wo sie sehr positiv ankam. Der Seedienst ist ein neuer Vorschlag, den wir jetzt mit der Poli- tik und der gesamten Branche diskutieren. Wir können noch nicht sagen, welche Reederei wie viele Plätze zur Verfügung stellt. So weit sindwir noch nicht. Hamburger Reedereien haben durch das VDR-Ferien- fahrer-Programm allerdings schon seit Jahrzehnten Er- fahrung mit jungen Menschen an Bord. Ja, das ist ein tolles Programm, finde ich. Junge Menschen ab 16 Jahren bekommen eine Idee vomBordleben und vomganzen Sicherheit bedeutet nicht nur, sich verteidi- gen zu können. Sie bedeu- tet auch, versorgt zu sein. HAMBURGER-WIRTSCHAFT.DE 26 maritimen System. Dieses Jahr fahren rund 80 Jugendliche auf Schiffen von deutschen Reedereien mit. Auch die Energiewende beschäftigt deutsche Reedereien. Die Ende 2021 auf der UN-Klimakonferenz COP26 ver- einbarte Clydebank-Erklärung soll grüne Schifffahrtskor- ridore schaffen. Können Hamburger Reedereien Vorreiter bei der Umsetzung sein? Grüne Korridore sind wichtige Reallabore, in denen sich Reede- reien, Häfen, Energieproduzenten und Ladungseigner entlang einer konkreten Route auf Kraftstoff, Infrastruktur und Stan- dards einigen. Ob sich einzelne Hamburger Reedereien an be- stimmten Projekten beteiligen, müssen sie selbst entscheiden. Deutsche Unternehmen investieren aber bereits in effizientere Schiffe, alternative Antriebe und die Fähigkeit, künftig neue Kraftstoffe zu nutzen. Für denVDR ist entscheidend, dass skalier- bare Lösungen und weltweite Standards entstehen. Die Dekarbo- nisierung ist ja nicht auf einzelne grüne Korridore beschränkt, sondern wir müssen Klimaneutralität global betrachten. Weltweit soll die Schifffahrt bis 2050 klimaneutral sein. Hamburg positioniert sich aktuell als künftiger Import- Hub für Wasserstoff und Ammoniak. Reicht der Aufbau dieser Energieinfrastruktur aus, um Investitionssicherheit für neue Schiffstypen zu geben? Der Aufbau von Import-, Lager- und Bunkerinfrastruktur für neue Energieträger ist wichtig und kann einen Standort stär- ken. Für die Investitionsentscheidung einer international ope- rierenden Reederei reicht die Infrastruktur eines einzelnen Hafens aber nicht aus. Wer heute ein Schiff bestellt, trifft eine Entscheidung für 20 oder 25 Jahre. Dafür muss klar sein, welcher Kraftstoff in ausreichender Menge und zu einem wettbewerbsfähigen Preis verfügbar sein wird, in welchen Häfen er sicher gebunkert werden kann und welche internationalen Regeln gelten. Hamburg kann ein wich- tiger Baustein sein, aber Investitionssicherheit entsteht nur durch ein belastbares internationales Netz – mit allen Häfen weltweit, egal ob in Singapur, Panama oder Chile. Woran hakt es derzeit noch? Wir wollen unsere Schiffe klimaneutral betreiben, aber wir brauchen einheitliche internationale Regeln unter dem Dach der International Maritime Organization (IMO). Stattdessen haben wir Einzelmaßnahmen wie das Europäische Emissions- handelssystem (EU ETS) oder die FuelEU-Maritime-Verord- nung mit Grenzwerten für die Treibhausgasintensität der an Bord verwendeten Energie. Das betrifft Hafenanläufe in der EU, aber Länder wie das Vereinigte Königreich oder die Türkei haben eigene Regeln. Reedereien müssen Daten mehrfach in unterschiedlichen Systemen melden. Das muss harmonisiert und stärker digital umgesetzt werden. Als Erfolg verzeichnet der VDR die höchsten Einstiegs- zahlen von Berufsanfängern bei deutschen Reedereien seit über zehn Jahren. Wie gut gelingt es Hamburger Aus- bildungsbetrieben und Seefahrtschulen, junge Menschen für diese Karriereperspektive zu begeistern? In Deutschland gibt es etwa 7000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Seeleute. Im vergangenen Jahr begannen 537 Nachwuchskräfte eine seemännische Ausbildung, hinzu ka- men 206 Berufsanfänger an Land – zusammen 743 junge Men- schen. Das ist ein großer Erfolg, denwir uns durch das VDR-Fe- rienfahrer-Programm und andere Nachwuchskampagnen auch ein Stück weit selbst zuschreiben. Ausbildungsbetriebe und Bildungseinrichtungen in Ham- burg leisten ebenfalls einen wichtigen Beitrag, genauso wie ihre Partner an anderen deutschenmaritimen Standorten. Nachdem wir 2023 zum Jahr der Ausbildung ausgerufen hatten, haben sich dank besserer Informationen mehr junge Menschen für ei- nen Beruf in der Schifffahrt entschieden, darunter auch zuneh- mend Frauen. Sie verbinden Frauen in der Seeschifffahrt ausdrücklich mit Zukunftsfähigkeit und Fachkräftesicherung. Was kann Hamburg tun, um für maritime Talente attraktiver zu wer- den: für Frauen, aber auch Fachkräfte aus dem Ausland? Wir müssen mehr Frauen für maritime Berufe gewinnen. Ihr Anteil unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an Bord ist in Deutschland zwar auf 7,2 Prozent gestiegen, bleibt aber viel zu niedrig. An Land beschäftigt die Branche bereits über 30 Prozent Frauen. Wir müssen Karrierewege sichtbar machen, gute Arbeitsbedingungen schaffen, Vorbilder zeigen. Menschen brauchen bezahlbaren Wohnraum, eine gelebte Willkommenskultur, für internationale Fachkräfte müssen Auf- enthalts- und Anerkennungsverfahren einfacher werden. Ham- burg hat als international geprägter Reederei- und Schifffahrts- standort gute Voraussetzungen.Wir können es uns nicht leisten, auf die Hälfte der Menschheit zu verzichten, sondern müssen Arbeitsplätze schaffen, die auch für Frauen geeignet sind. Auch mit Familie? Für jede Lebensphase gibt es das passende Schiff. Wer jung ist, kann mit der Containerschifffahrt die Welt entdecken. Mit Fami- lie bieten sich zweiwöchi- ge Einsätze auf Fähren an. Auch an Land gibt es viele Möglichkeiten: Ehemalige Kapitäne und Leiter der Maschinenanlage arbeiten in der technischen Betreuung oder als Inspekteure. Lotsen und Behörden brauchen ebenfalls ma- ritime Erfahrung. Sie sind als erste VDR-Präsidentin ein wichtiges Vorbild für junge Frauen. Welchen Karrieretipp haben Sie? Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen. Wenn ich zur See fahren möchte oder bereits fahre, dann gehe ich diesen Weg – auch gegen alle Widerstände. PERSÖNLICH DR. GABY BORNHEIM WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 27
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