AUGUST/SEPTEMBER 2026

des „Responsible commerce that inspires“ mit KI nur noch be- deutsamer werden. Gesellschaftliche Verantwortung ist und bleibt uns wichtig. Wobei Sie einräumen, dass KI Einfluss auf den Arbeits- markt haben wird. Aber nicht in dem Sinne, dass zwangsläufig Arbeitsplätze ab- gebaut werden. Was sich verschieben wird, sind sicher die An- teile der KI-Unterstützung bei einigen Jobprofilen; die Interak- tion zwischen Technologie und menschlicher Arbeit definiert sich neu. In Summe könnte das zu weniger Stellen und neuen Jobprofilen führen. Dass ganze Berufsgruppen verschwinden, können wir aktuell nicht erkennen. Eine Befürchtung, die jede technische Revolution von Dampfmaschine bis Internet mit sich brachte und meis- tens eher ins Gegenteil umgeschlagen ist. Es gibt jedenfalls auch im Fall der KI genügend Studien, die ge- nau das vorhersagen. Als Unternehmen ist es unsere wichtigste Aufgabe, möglichst viele Mitarbeitende weiterzuentwickeln und uns Felder für zukunftsfähige Jobs zu erschließen. Mit unserem „Venture Cluster“ investieren wir etwa seit Langem in junge Start-ups. Als Unternehmen, aber auch als Land sollten wir versuchen, den Schwung hin zu zukunftstauglichen Tech- nologien und Innovationen mitzunehmen. Beim OMR-Festival sagten Sie, auf die anfängliche KI- Euphorie folge „ein bisschen die Ernüchterung“. Wider- spricht die Aussage nicht diesem Schwung? Nein, sie passt insofern, als die Euphorie den Möglichkeiten der KI galt, aber die Zurückhaltung ihrer Umsetzung. Dabei ha- ben wir alle nämlich gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, mithilfe der KI je nach Anwendungsfall auf einem durchgängig guten Niveau wirklich bessere Ergebnisse zu erzielen. Umso mehr gilt es jetzt, auch in dieser Phase dranzubleiben und die- sen Umbruch zu akzeptieren, dabei experimentell zu denken und auch mal Scheitern zu akzeptieren. Gibt es in Sachen KI Vorbehalte wegen der immensen Erwartungshaltung? Die war schon riesig. Aber während wir beim E-Commerce gesehen haben, wie unterschiedlich die Anpassungsge- schwindigkeit in Deutschland verglichen etwa mit Groß- britannien oder den USA war, ist die Adaptionsbereitschaft bei der KI hierzulande groß. Chatbots wurden auch hierzu- lande extrem schnell in der Breite genutzt. Als Nation gro- ßer Ingenieursleistungen müssen wir uns nicht verstecken und bekommen es meines Erachtens sicher auch hin, techno- logisch zu innovieren. Ist dieser Optimismus ein Stück weit pragmatisch, weil sich die KI ohnehin nicht mehr aufhalten lässt? Nein. Denn für mich ist die Transformation schon deshalb kei- ne Disruption, weil sie am vorläufigen Ende einer technologi- schen Entwicklungskette steht, die sich lange angekündigt hat. Klassische IT hat industrielle und kommunikative Prozesse doch schon früher digitalisiert; da rollt also nichts über uns drüber. Ich sehe deshalb eher neue Handlungsspielräume, die mich zuversichtlich machen. Als ich kürzlich abends nach Hause kam, hat mein 19-jähriger Sohn eine Website program- miert – einfach, weil er es in Informatik an der Schule gelernt hat, also konnte. Das Mindset dieser Generation könnten mehr von uns gut gebrauchen. Ich sehe Chancen, aber auch die Ver- antwortung. Das klingt auch nach einem Auftrag an die Politik. Wird KI – etwa durch den AI Act der EU – ausreichend oder wo- möglich zu stark reguliert? Das ist ein hochkomplexes Feld. Prozesse von solcher Dynamik wie der KI lassen sich naturgemäß schwer bändigen – schon weil sich technologischer Fortschritt meist schnell vollzieht, die rechtliche Regulierung hingegen deutlich langsamer. Auch deshalb müssen wir es vermeiden, Dinge, die bei der Gesetzes- vorlage womöglich längst überholt sind, zu intel- lektuell und kleinteilig zu regulieren. Was wäre demnach Ihr Appell? Bestehende Regulatorik an Erfordernisse der KI anpassen, aber nicht zu viel on top erfinden und darauf achten, dass Euro- pa international betrachtet mit seinem ethischen Verständnis eine möglichst große Rolle spielt. Damit eigene Re- chenmodelle und Chatbots auf dem Weltmarkt Chancen ha- ben, brauchen sie aber ein wenig praktischen Freiraum. Ist Hamburg als bundesweit wichtiger Digitalcluster dafür ein gutes Biotop? Als bekennende, die Stadt liebende Hamburger fühlen wir uns hier extrem verbunden und bestens aufgehoben. Hamburg hat hohe Anziehungskraft auf Talente jeder Art, wunderbare Hochschulen, den Hafen, die Handelshistorie, eine weltoffene liberale Atmosphäre. Das bietet ideale Voraussetzungen für eine Vorreiterrolle im Bereich KI. Wenn Sie morgen als Wirtschaftssenatorin vereidigt wür- den – was wäre Ihre erste Amtshandlung? Ichwürde ein zartes Pflänzchen, das wir gerade zusammenmit einigen Partnern gepflanzt haben, gut gießen, nämlich das Start-up-Cluster Impossible Founders. Bei der Initiative geht es um die Förderung von technologiegetriebenem, wissen- schaftsbasiertem, verantwortungsvollem Unternehmertum. Die Vision lautet: mehr universitäre Ausgründungen in die Wirtschaft, um Hamburg zu einem führenden Deep-Tech-Hub zu machen. Das wäre doch schon mal ein guter Anfang. Petra Scharner-Wol im Gespräch mit HW-Autor Jan Freitag WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 29 PERSÖNLICH PETRA SCHARNER-WOLFF

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