JUNI/JULI 2026

Im frisch renovierten Kontorhaus Stubben- huk repariert Wempe Uhren – nicht nur aus eigener Produktion. Das ist ein klares Bekenntnis zum Standort Hamburg. Wir lie- bendiese Stadt, wir liebendasHanseatische, wir liebendieWelt- offenheit. Wir haben uns gegen einen Neubau entschieden. Das ist zum einen die nachhaltigere Entscheidung, zum anderen ha- ben wir jetzt ein Haus, das eine Seele, einen Charakter hat. Gibt es ähnliche Beispiele an anderen Standorten? Ja, das machen wir an vielen Orten so. In unseren temporären Geschäftsräumen am Neuen Wall 11 haben wir die alte Holz- treppe erhalten, aufwendig restauriert und mit rohem Beton an der Decke kontrastiert. Wir sind in vielen Niederlassungen nur zu Gast in denkmalgeschützten Gebäuden und bewahren sie für die Generationen, die nach uns kommen. Solches Am- biente wählen wir bewusst aus, das ist uns sehr wichtig. Am Stubbenhuk sind jetzt auch die Uhrmacherwerkstät- ten. Rechnet sich diese Handarbeit überhaupt? Service im Uhrenbereich ist kein profitables Geschäft. Für Wem- pe ist es aber kein Zusatzgeschäft, sondern Teil der Service-DNA. DieMitarbeitenden sind in allen geführtenMarken geschult und auf den Zertifizierungsstufen der Hersteller ausgebildet. Die Menschen kennen unsere Kompetenz imService – auch die, die nicht bei uns kaufen. 60 Prozent der Uhren, die bei uns zur Re- paratur kommen, sind nicht bei uns gekauft. Es ist also ein wichtiger Touchpoint, der sich konvertieren lässt. Die Werk- statt ist nicht zuletzt auch ein Bekenntnis zum Handwerk, das meine Schwester und ich für die Zukunft fortschreiben wollen. Gemeinsammit Ihrer Schwester sind Sie die fünfte Gene- ration. Irgendwann werden Sie das Unternehmen über- nehmen. Wie wollen Sie den Übergang sicherstellen? Meine Schwester und ich sind beide lange dabei, wir haben Passion für das, was wir tun, Passion für die Mitarbeitenden, das ist eine sehr gute Konstellation. Ich selbst bin eigentlich schon seit 2015 im Unternehmen. Nach meinem Schulab- schluss in England bin ich nach London auf die Universität gegangen und habe parallel drei Jahre lang in unserer dortigen Niederlassung gearbeitet. Ich habe Kaffee gekocht, Türen geöffnet, handgeschriebene Kundendaten ins System übertra- gen, alles Mögliche erledigt, außer zu verkaufen. Denn die Geschäftsführerin hat damals gesagt: „Du hast doch keine Ah- nung. Du musst erst einmal lernen.“ Sie sind noch sehr jung und wachsen in die lange Tradition eines Familienbetriebs hinein. Was bedeutet das für Sie? Es gibt zwei Wege, damit umzugehen. Entweder man will den Geist der Vorfahren wahren oder ganz bewusst mit ihm bre- chen. Für beides muss man aber die Tradition verstehen. Man kann nur dann gut mit Traditionen brechen, wenn man wirk- lich begreift, auf welchem Fundament das Unternehmen steht. Bei großen Entscheidungen habe ich ein Foto meines Großva- ters auf demSchreibtisch, da frage ich auch innerlichmal nach. Das ist Teil unternehmerischer Nachhaltigkeit: sich verpflich- tet zu fühlen, geerbte Werte zu erhalten, im Sinne einer neuen Zeit zu interpretieren und auszubauen. Haben Sie schon Ideen, wie Sie die Marke Wempe für die Zukunft weiterentwickeln? Wir sind sogar schon mitten- drin. Meine Schwester und ich haben 2022 ein großes Projekt zur Markenstrategie aufgesetzt. Das war ein intensiver Prozess über anderthalb Jahre hinweg: Ist die Marke Wempe richtig positioniert für eine zukünftige Kundengeneration?Wir habenHistorie und Traditionen genau angeschaut, gefragt, was wir bewahren und wo wir brechen wollen. Ein Beispiel: Mein Urgroßvater hat damals in Elsfleth und Oldenburg große, ausdrucksstarke Schaufenster gebaut, das war zu der Zeit eine Sensation. Wir haben das Attribut „ausdrucksstark“ für uns wieder hervorgeholt und daraus ein Projekt entwickelt: ein komplettes Redesign unserer Schau- fenster. Genauso steht das Attribut „unkonventionell“ für uns wieder ganz vorn, weil unsere Vorfahren alles immer ein biss- chen anders gemacht haben. Heute werden wir oft als tradiert wahrgenommen. Nahbarer zu werden ist ein wichtiges Ziel. Mit dem Sponsoring des 24-Stunden-Rennens am Nür- burgring haben Sie kürzlich einen Marketing-Scoop ge- landet. Passt das zu Ihrem Nachhaltigkeitsbekenntnis? Der Nürburgring war für uns eine zu große Chance, um sie aus- zuschlagen. Das war nicht die nachhaltigste Entscheidung, die wir je getroffen haben. Trotzdem haben wir uns dafür entschieden, und ich halte es nach wie vor für richtig. Un- sere Kundschaft findet das Format interessant, das Rennen hat enorme Aufmerksamkeit bekommen, und wir erreichen ein Publikum, das wir sonst so nicht ansprechen würden. Das wollten wir nicht opfern. Aber die Konsequenz aus dieser Entscheidung ist eindeutig: Wir müs- sen an anderer Stelle etwas tun, um das auszugleichen. Uns ist wichtig, dass wir Nachhaltigkeit als eine Dimension in alle unsere Entscheidungsprozesse integriert haben – auf Entscheiderebene, in denKernprozessen. Das heißt aber nicht, dass wir uns in jedem einzelnen Fall für den nachhaltigsten Weg entscheiden müssen. Es heißt, dass wir Nachhaltigkeit ernsthaft mitdenken und, wo wir an anderer Stelle Abstriche machen, einen Ausgleich finden. PERSÖNLICH SCOTT WEMPE Scott Wempe (re.) im Gespräch mit Torsten Meise WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 23

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