JUNI/JULI 2026

vidualcoachings. Und wir arbeiten mit Unternehmen daran, Strukturen zu ändern. Unbezahlte Praktika etwa sind in vielen Branchen Grundvoraussetzung. Das schließt viele Menschen aus, die sich das gar nicht leisten können. Solche Strukturen muss man angehen, damit struktureller Wandel in der Wirt- schaft möglich wird. Generell müssen wir viel früher etwas für Chancengerechtigkeit tun. Das frühe Aufteilen nach der vier- ten Klasse zum Beispiel halte ich für absurd. Achten Sie auf solche Strukturen auch bei Wempe? Ja, wir überprüfen unsere Strukturen immer wieder. Eine kon- krete Sache, die ich aus demNetzwerk Chancenmitgenommen habe: Es gibt bei uns einen persönlichen Ansprechpartner für jede Bewerbung, und jede Bewerbung bekommt eine Antwort. Außerdem sind wir seit einigen Jahren Teil des Tandempro- gramms bei Netzwerk Chancen. Jedes Jahr bringen wir drei Führungskräfte aus demUnternehmenmit Menschen aus dem Netzwerk für ein einjähriges Mentoring zusammen. Dieser Austausch hilft immer auch beiden Seiten. Welche Rolle spielt Diversität bei Wempe, auch in Bezug auf Herkunftsdiversität? Es ist überall Luft nach oben, das ist klar. Aber bei uns ist Her- kunftsdiversität in Führungspositionen schon ziemlich gut er- füllt. Wir brauchen diese Vielfalt, um die Menschen da draußen, und natürlich auch unsere Kundschaft, empathisch zu verstehen. Das setzt einen Dialog imUnternehmen voraus, der Polarisierun- gen aus der Gesellschaft auffängt. Das gelingt nur, wennman viel- fältig ist und Strukturen entsprechend konsequent überprüft. Wempe ist bekannt für eine antizyklische Personalpolitik. Welche Überlegung steht dahinter? Die Stimmung draußen ist schwieriger geworden, die Kosten sind massiv gestiegen. Wir wollen trotzdem nicht aufhören einzustellen. Wir haben unsere Werkstatt in Hamburg massiv aufgestockt und das Ausbildungszentrum in Glashütte ausge- baut. Wenn wir im Vertrieb wachsen, müssen wir auch beim Service mitwachsen. Spürt Wempe den Fachkräftemangel? Wir hatten in den letzten Jahren einen signifikanten Anstieg an Bewerbungen. Schwieriger wird es in den handwerklichen Be- rufen, aber wir arbeiten dagegen an. In Glashütte bilden wir 24 Uhrmacher über drei Jahrgänge aus. Damit federn wir das ab. Insgesamt spüren wir den Mangel weniger als andere Hand- werksbetriebe. Alle unsere Ausbildungsplätze sind besetzt, und das bei einer Auszubildendenquote von circa zehn Prozent. Im Uhrmacher-Bereich liegt unsere Übernahmequote bei fast 100 Prozent. Damit junge Menschen sich für eine Handwerksausbil- dung entscheiden, muss das Drumherum stimmen: Wir stellen im ersten Lehrjahr eine WG in Glashütte zur Verfügung, in der sich die Azubis kennenlernenund ein soziales Netz entsteht. Die Vernetzung zwischen den Standorten hilft uns auch später. Wempe hat jüngst einen neuen Standort im Kontorhaus am Stubbenhuk eröffnet und es zuvor aufwendig saniert. Welche Überlegung steht dahinter? Diversität hat meh- rere Dimensionen, Herkunft ist eine davon. HAMBURGER-WIRTSCHAFT.DE 22

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