Juni 2020

HAMBURGER WIRTSCHAFT 26 FOTO ISTOCK.COM MH FOTOS BRANCHEN REPORT HAFEN Kreuzfahrtschiffe waren lange Zeit die Goldesel des Reise- marktes. Auch Hamburg verdiente prächtig an den Ozeanriesen. Jetzt herrscht Stillstand – aber auch Hoffnung, dass es bald weitergeht. Boombranche vor Anker tiquen und Theater, Restaurants, Taxen und Kaufhäuser. Am Strom der Seerei- senden verdienen viele Branchen – vom Fremdenverkehr über die Logistik und Zulieferung bis zu den Werften: Die Kreuzfahrten sorgten für etwa zwei Mil- lionen EuroWertschöpfung pro Tag. Bis März. Da nämlich rauschte der bisher stetig steigende Umsatz abrupt auf null. Cruise Days, Hafengeburtstag – alles abgesagt. Statt 30 geplanter Ankünfte im Mai nicht eine. Die Schiffe, klagt Heiko Messerschmidt von der IG Metall Küste, „liegen vor Anker und verdienen kein Geld“. Angesichts Tausender Stornierun- gen sind einzig die Buchungs- oder Be- schwerdestellen der Reedereien noch ausgelastet. Beim Rest der Belegschaften herrscht im besten Fall Kurzarbeit, im schlechteren nackte Überlebensangst. Schließlich finden auf mittlere Sicht nicht mal organisierte Segeltörns statt. Kleiner Ho nungsschimmer Selbst langfristig scheinen die Aussich- ten der Meeresgiganten in Kleinstadt- größe schon deshalb trübe, weil sie JAN FREITAG redaktion@hamburger-wirtschaft.de gleich zu Beginn der Krise als Corona- Brutstätten gebrandmarkt wurden. Noch Mitte Mai lagen einige der Schiffe in Quarantäne. Dennoch bleibt der Dachverband Hamburg Cruise Net zaghaft optimis- tisch. Geschäftsführerin Christine Beine nennt es „nicht unrealistisch“, dass nach ersten Lockerungen für Flusskreuzfahr- ten im August auch auf hoher See ein Neustart erfolgt, „der die Anforderungen an umfassenden Gesundheitsschutz und ein möglichst uneingeschränktes Reise- erlebnis verbindenmuss“. In diesem Fall könnte die Pause aus Beines Sicht sogar „Innovationsimpulse freisetzen“. Effizientere Ein- und Aus- schiffungen etwa, mehr Land- als Schwer- ölstrom oder kürzere Reisen. Oberstes Ziel aber sei es, „durch überzeugende und transparenteMaßnahmenKonsumenten- vertrauen zurückzugewinnen“ – damit Hamburg nicht nur symbolische Kreuz- fahrtschiffshörner hört. RASANTESWACHSTUM Die Kreuzfahrtbranche hat sich rasant ent- wickelt: 2019 machten 2,5 Millionen Deutsche auf einem der Ozeanriesen Urlaub, bis 2025 sollte sich die Zahl fast verdoppeln. Der Ham- burger Hafen profitierte davon mehr als alle anderen: 2019 zählten allein die Cruise Days 500000 Besucher. Noch 2007 brachten 79 Schiffe weniger als 90000 Passagiere nach Hamburg, 2018 gab es 197 Schiffsanläufe und 810000 Passagiere. Zuletzt lag die Wertschöpfung der Kreuz- fahrtindustrie in Hamburg je nach Schätzung zwischen 400 und 800Millionen Euro. A m Tag der Arbeit schien plötz- lich alles wie immer. Durch die Hamburger Frühlingsluft dran- gen Schiffshörner, als läge dieWirtschaft nicht darnieder wie zuletzt im Krieg. Was wie Business as usual klang, war je- doch eher ein lauter Ruf durch die Häfen aller Herren Länder: Mag die Pandemie der maritimen Wirtschaft auch mächtig zusetzen – wir sind noch da! Vom Frach- ter bis zum Schoner, vom Flüssi gastan- ker bis zum Passagierdampfer. Beson- ders für Letztere war die Aktion der In- ternationalen Schifffahrtskammer ICS allerdings auch einHilfeschrei. Viele Betriebe der Hafenwirtschaft bewältigen die Krise bisher vergleichs- weise gut, doch die Kreuzfahrtbranche ist wie kein anderes Segment von der Pandemie betroffen. Und das hat Folgen für die Hansestadt, die ein Hotspot die- ses Boomsektors ist: Mit Hapag Lloyd und TUI Cruises haben hier gleich zwei Big Player ihren Firmensitz, deren Ak- tienkurse und Umsätze seit dem Shut- downmassiv eingebrochen sind. Bisher sorgten ihre zwölf schwim- menden Hotels und die der Konkurrenz von Aida bis MSC für rege Aktivitäten im Hafen: 2019 gab es allein 210 Schiffsan- läufe, die gut 810000 Passagiere von Bord ließen – also auch in Souvenirshops, Bou- zuletzt: 24,4 Geschäftsklima im Verkehrsgewerbe Indexwerte (Punkte zwischen 0 und 200) I /2008 I /2009 I /2010 I /2011 I /2012 I /2013 I /2014 I /2015 I /2016 I /2017 I /2018 I /2019 I /2020 150 100 50 0

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