Juni 2020

WWW.HK24.DE 15 PERSÖNLICH AUST & NISSEN-SCHMIDT Ohne Kooperation kann sich der Norden als Wirtschaftsstandort nicht weiterentwickeln. Nissen-Schmidt : Am Anfang konnten wir wirklich nur auf das reagieren, was um uns herum passierte, aber sukzessive können wir jetzt selber agieren und auch Akzente setzen – etwa mit dem IHK-Nord-Pa- pier und der Forderung zum Konjunkturprogramm (siehe Editorial auf Seite 3).Wir habenuns beispiels- weise auch für die Öffnung des Einzelhandels mit mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche stark gemacht – und das erfolgreich. Aust : Ein Unternehmen muss immer in die Offen- sive kommen, umErfolg zu haben. Nur in der Offen- sive kann man Tore schießen, um das mal ganz ein- fach zu sagen. Und da sindwir inzwischen auf einem sehr gutenWeg. Welches Ergebnis brachte der Kassensturz? Nissen-Schmidt : Er hat das bestätigt, waswir schon kannten: Wir haben keine finanziellen Reserven, von denen wir zehren können. Und das ist in der Krise jetzt das Problem. Für solche Situationen Re- serven anzulegen, ist ja nicht schlecht. Das machen wir in den Unternehmen auch. Leider haben wir diese eben nicht. Und das erwischt uns zu einemun- günstigen Zeitpunkt, denn das Beitragsvolumen wird sinken. Auch da werden wir genau schauen: Wie gehen wir damit um? Aber wir sind zuversicht- lich undwerden Lösungen finden. Sie haben einige der Sofortmaßnahmen in Sa- chen Corona als Schweigegeld bezeichnet. Was muss da aus Ihrer Sicht noch optimiert werden? Aust : Ja, das habe ich gesagt. Ich will gar nicht be- haupten, dass das Gießkannenprinzip mancher So- forthilfen hätte vermieden werden können. Die un- terschiedliche Situation der Unternehmen konnte aufgrund der Kurzfristigkeit bei der Ausschüttung keine Rolle spielen. Es ist aber wichtig, dass wir jetzt die individuellen Nöte der jeweiligen Branchen be- trachtenund genauer überlegen, wowelcheHilfe not- wendig ist. Es darfwegenderKrisekeinvorher gesun- des Unternehmen in die Insolvenz gehen. Das muss unser oberstes Ziel sein– und auchdas der Politik. Ein anderer starker Begriff, den Sie verwende- ten, war in Bezug auf die Schließungsverfügun- gen „enteignungsgleicher Eingriff“. Waren diese Maßnahmen aus Ihrer Sicht dennoch nötig? Aust : Es ist quasi eine Enteignung, wenn von einem Tag zum anderen ein Berufsverbot verhängt wird. Aber auch Enteignungen sind manchmal nötig, wie eben beispielsweise eine Betriebsschließung, die im Interesse der Allgemeinheit erfolgt. Und dafür muss dann auch eine angemessene Entschädigung ge- zahlt werden. Muss der Norden gerade jetzt stärker zusam- menhalten? Aust: Ganz eindeutig ja. Nissen-Schmidt : Wir sind ein einheitlicher Wirt- schaftsraum. Die einzelnen Bundesländer können alle nicht ohne einander. Wir sind aufeinander an- gewiesen. Dementsprechend geht es gar nicht ohne Kooperation, damit wir uns als Wirtschaftsstandort weiterentwickeln. Aust : Wir als Wirtschaftsraum Norddeutschland sind im Wettbewerb mit anderen Ballungsräumen in Deutschland, aber auch international. Wenn der Norden im Club der Großen mitspielen will, ist er auf Kooperation angewiesen. Das ist einfach zwin- gend erforderlich. Nur gemeinsam können wir zum Beispiel für eine sinnvolle Verkehrsinfrastruktur sorgen, die der Logistikstandort Hamburg braucht. Und davon profitiert nicht nur Hamburg, sondern der gesamte Norden. → NORBERT AUST studierte Jura und Volkswirt- schaft, daneben engagierte er sich in der Kultur. Er ist unter anderem Mitgründer der Schmidt-Theater und Mitbetreiber des PIERDREI Hotels HafenCity. ASTRID NISSEN- SCHMIDT studierte Be- triebswirtschafts- lehre und ist Steuerberaterin undWirtschafts- prüferin, derzeit als Geschäftsfüh- rerin der Auren GmbHWirt- schaftsprüfungs- gesellschaft.

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