Juni 2020
HAMBURGER WIRTSCHAFT 16 PERSÖNLICH AUST & NISSEN-SCHMIDT Die Stadt wird gestärkt aus der Krise hervorgehen. In Corona-Zeiten ist der regulative Flickentep- pich der Bundesländer in die Kritik geraten. Ist das föderale System beim Zusammenhalt des Nordens ein potenzielles Problem? Aust : Klar, dass wir hier imWirtschaftsraum Nord- deutschland unterschiedliche Bundesländer haben, behindert uns in einigen Dingen. Aber es hilft manchmal auch, zumBeispiel, umpolitische Lösun- gen passgenau auf die Regionen zuzuschneiden. Fö- deralismus ist ja per se nichts Schlechtes. Vielleicht bietet Corona auch die Chance, neu darüber nach- zudenken, wie wir den Föderalismus sinnvoll gestal- ten können. Nur über den gemeinsamen Wirt- schaftsraumdarf es keinen Zweifel geben. Egoismus einzelner Länder darf es nicht geben. Sie haben sich auch darüber geärgert, dass die Kulturszene nicht als systemrelevant eingestuft wurde. Wird da zu sehr in harten Zahlen gerech- net und die soziale Funktion ignoriert? Aust : Ich finde, das Wort „systemrelevant“ ist ein übles Wort, das spaltet. Wenn wir darüber nach- denken, ob Fußball oder anderer Sport systemrele- vant ist oder nicht, oder ob die Kultur systemrele- vant ist oder nicht, vergessen wir, dass eine solche Entscheidung immer ganze Wirtschaftsbereiche mit vielen Beschäftigten und deren Familien be- trifft. Und das kann sich eine Gesellschaft wie die unsere nicht leisten. Deswegen finde ich diese Diffe- renzierung unzutreffend. War es bei Ihnen Frustration oder Gestaltungs- wille, dass Sie fürs Plenumkandidiert haben und dann auch noch fürs Präsidium? Nissen-Schmidt : Gestaltungswille, auf jeden Fall. Ich war bereits viele Jahre im Plenum, und es waren keine ausnahmslos tollen Jahre. Dementsprechend waren der Wunsch und der Wille da, die Handels- kammer auf einen guten Weg zu bringen. Man lernt durch die ehrenamtliche Arbeit, wie wertvoll die Kammer für dieWirtschaft ist beziehungsweise sein kann. Dafürmuss sie aber richtig aufgestellt sein. Aust : Für mich war es weniger die Lust auf etwas Neues, sondern eher die Erkenntnis der Notwendig- keit, umdieKammer alswichtige Einrichtung dieser Stadt zu erhalten. Ich möchte verhindern, dass die Kammer noch weiter beschädigt wird, undmich am Neuaufbau beteiligen. Wir wollen die Kammer, die seit über 350 Jahren in dieser Stadt unverzichtbar ist, wieder zu alter Stärke führen. Ihre Eltern machten beruflich etwas anderes als Sie, Fleischermeister respektive Landwirt. Was war für Sie der Grund, nicht ins familiäre Ge- schäft einzusteigen?
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