Februar 2018
MOTIVATION HAMBURGER WIRTSCHAFT 02 / 18 IM FOKUS 56 ILLUSTRATION: MARTINA HELD; FOTO: THOMAS LUTHER als Gesamtheit der Beweggründe zur kol- lektiven und individuellen Handlungsbe- reitschaft? Experte Waibel gibt die Frage gewis- sermaßen nach oben weiter. Für Unter- nehmer sei wichtig, „selber etwas zu wol- len“. Also von sich, nicht nur den Mitarbeitern. „Aktiv werden, ohne sich zu verrennen“ – so gelingt die rücksichts- volle Bedürfnisbefriedigung fürs einträg- liche, krisensichere, zufriedene, also bes- sere Arbeitsumfeld. Undweil kein geringer Teil der Menschen darin trotz aller Feel- good-Manager und Team-Events im kol- lektiven Burn-Out ständiger Erreichbar- keit auszubrennen droht, braucht es noch etwas mehr: eine Vision nämlich. Statt einseitigem Aktionismus von oben empfiehlt der Spross einer Unter- nehmerfamilie daher Partizipation statt Befehlsketten und Feedback-Kultur statt Schweigekartelle. Anstelle der E-Mail vom Nebentisch rät er selbst dann zum persönlichen Gespräch, wenn es dabei zum Streit kommt. Vor allem aber wünscht Waibel sich Vorbilder in leiten- der Position. Schon als Teenager in Fe- rienjobs erfuhr der spätere Psychologe, wie motivierend in- haltsgetriebener Ansporn ist, also jenes „Motiv“, das „Motivation“ nicht nur im Wortstamm prägt. „Das gebe ich auch als Mediator, Coach, Buch- autor und Sparrings- partner weiter.“ Für nachhaltigen Erfolg schauen Unter- nehmer also weder nur aufs Personal noch sich selbst, ja nicht mal die Firma. Im Idealfall geht der Blick vom Zulieferer Richtung Käufer in die Gesell- schaft und zurück. Wie bei Bud- nikowsky. Die Mitar- beiter der Drogerie- kette sind organischer Teil eines Netzes wechselseiti- ger Partizipation, in dem der Kundenbei- rat das Angebot mit einer Nachfrage ab- gleicht, die sogar Eigenmarken der Konkurrenz beinhalten darf, sofern sie den ethischen Standards genügen. Oben- drein engagiert man sich für Umwelt, Kin- der, die Nachbarn der 182 Filialen und die Gemeinwohlbörse (siehe Seite 60). Budni grundiert die Motivation somit karitativ. Betriebswirtschaftlich sei „Altruismus ohne Blick aufs Finanzielle zwar selten“, meint Frank Tießen, Handelskammer-Re- ferent für Energie- und Umweltberatung. Doch bei Budni stecke mehr hinterm Ein- satz für Mensch und Natur als nur Marke- tingversprechen: „Glaubhafte Überzeu- gung“. Das Zauberwortpaar gelungener Motivation. Ohne Zutrauen ins Ge- schäftsmodell, weiß auch Stephan Klatt- Wenderodt, bei der Handels- kammer zu- ständig für Unterneh- mensförde- rung, ist selbst das allerbeste Pro- dukt nur schwer verkäuflich. Der überaus po- puläre Outdoor- Händler Glo- betrotter etwa geriet trotz exzel- lenter Bera- tung hochmo- tivier ter Verkäufer un- längst ins Schlingern. Und die Goodgame Stu- dios mussten ihr Personal zu- letzt fast vierteln, obwohl die Browser-Spiele des Bahrenfelder Start-ups weltweit beliebt sind. Derlei Big Player können sich laut Klatt-Wenderodt allerdings Jan Freitag redaktion@hamburger-wirtschaft.de Telefon 36138-563 „Glaubhafte Überzeugung“, das Zauberwort gelungener Motivation am eigenen Schopf aus der Krise ziehen. Seine Handelskammer wird da eher bei den Kleinen aktiv. Falls junge Firmen, neue Läden, un- erfahrene Newcomer am Anfang ihrer Selbstständigkeit mal in Schieflage gera- ten, wirke es allein schon motivierend, „wenn da überhaupt einer ist und zuhört“. Der auch mal Tacheles redet, vor allem je- doch über Stärken und Erreichtes. „Mit Hilfe zur Selbsthilfe“, rät der Fachmann daher getreu demMotto, das die Handels- kammer schon seit 350 Jahren pflegt, „kommt man einfach am besten wieder hoch.“ Das gilt für Unternehmensgründer wie für Vorstandsvorsitzende. Dennoch wirkt die Kunst des richtigen Antriebs na- türlich höchst individuell. Während Babyboomer der Genera- tion Opel noch besonders auf Geld und Sicherheit reagiert haben, kam für ihre Kinder der Generation Golf Status plus Spaß hinzu, was für Digital Natives der Generation Y mittlerweile um Work-Life- Balance und Sinnsuche ergänzt wird. Darüber hinaus jedoch gelten Kontroll- sucht und Egoismus seit dem Einzug mo- derner Managementmethoden als ähn- lich demotivierend wie Unterforderung und Laisser,-faire. Freud und Leid gehö- ren gemäß diesen Maximen gleichmäßig geteilt, nur wurde das einst weniger kon- sequent gepredigt. Doch seit sich das än- dert, gelten Compliance und CSR, Fehler- toleranz und Streitkultur, Nachhaltigkeit und Altruismus als unerlässliche Fakto- ren erfolgreicher Unternehmensführung. Das bestätigt Jahr für Jahr die Um- frage des GallupInstituts zum Motivati- onsstand der Beschäftigten. Das möchte die Handelskammer auch ihren 160000 Mitgliedern vermitteln. Fixpunkt hinge- bungsvoll investierter Arbeitskraft fürs Erreichen der betriebswirtschaftlichen Ziele im einträglichen Miteinander aller Beteiligten. bleibt zwar die Vergütung, der Umsatz, ergo: das Geld. Doch wer richtig, umfassend und leidenschaftlich zu motivieren weiß, der hilft am Ende nicht nur dem Einnahmekonto, sondern der Lebensqualität. Auch der eigenen.
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