Februar 2018

HAMBURGER WIRTSCHAFT 02 / 18  IM FOKUS 55 MOTIVATION „Motivation ist alles“ Erst Geld, dann Status, nun Work-Life-Balance: Unternehmerische Motivation ist ständig im Wandel. Vor allem aber ist sie vielschichtig, komplex und sehr individuell. D a steht er nun und motiviert all jene, die ihrerseits buchstäblich Purzelbäume schlagen, motiviert zu wirken: Auf der Bühne ein Manager von überwältigender Ausstrahlung, im Saal sein Start-up-Team von fast religiöser Ergebenheit. Oben im Anzug, unten in Sneakers haben sie sich beim Online- Shop Mirapodo versammelt für eine Lek- tion in Sachen Motivation. Nur: Wer sie gibt, wer sie empfängt, wer also Sender ist und wer Empfänger – das scheint selbst dann unklar, wenn die Otto Group in Ge- stalt ihres Vorstandsvorsitzenden das Tochterunternehmen besucht. Die Reise ist schon etwas her, und ihr Leiter sitzt nun im Aufsichtsrat. Doch als Hans-Otto Schrader auf seiner Motivati- onstour durchs Konzernreich in einer al- ten Fabrik mit coolem Industrie-Charme landet, klingt das Loblied auf die Kraft des Kollektivs wie aus dem neuesten Ge- sangsbuch. Mit Worten wie „transfer“, „participate“, „create“, „venture“ füllt er die Akkus seiner Leute, während er ihrer jugendlichen Energie schmeichelt. In freier Rede prasseln „change options“ und „retail opportunities“ auf die Jeans- träger herab, das Vokabular moderner Unternehmensmotivation. Doch als sich die Belegschaft zur Big Band formiert, um Ottos Firmenhymne zu intonieren, als sie den CEO ungefragt mit Anregungen, Kritik, Ideen betankt, wirkt er selbst spürbar motiviert. „Diese Energie hab ich echt nicht erwartet“, staunt der Chef noch auf der Rückfahrt ergriffen. Und da wird deutlich: Fördern und Fordern beruht längst auf Gegensei- tigkeit. Motivation, lautet das Credo im Kampf um Human Resources, ist schließ- lich keine Einbahnstraße. „Motivation“, predigte ja schon der Tellerwäschermilli- Die Commerzbibliothek empfiehlt Die Commerzbibliothek der Handelskammer hat zahlreiche Bücher zum Thema im Ange- bot, zum Beispiel: Reinhold Stritzelberger: „Dauerhafte Selbstmotivation“ (Haufe; 2016; 268 Seiten) Echte Begeisterung, bessere Ergebnisse, mehr Zufriedendheit im Job – dieses Buch zeigt, wie Sie Selbstmotivation erlernen und trainieren. Zum Buch gehören auch Arbeitshilfen online: die Anleitung für eine Ziel­ formulierung und Arbeitshilfen zum eigenständigen Training. Rainer Niermeyer, Nadia Postall: „Mitarbeitermotivation in Verände- rungsprozessen“ (Haufe; 2013; 264 Seiten) Ein Leitfaden, um Menschen für Veränderungen zu begeistern und Change-Prozesse erfolgreich zu gestalten. Die Autoren zeigen, wie man „weiche Faktoren“ und psychologisches Wissen nutzen kann, um ein Unternehmen effektiv und ohne Reibungsverluste zu verändern. Das Buch analysiert jede Phase des Change-Prozesses und gibt konkrete Empfehlungen zur Führung und Motivation von Mitarbeitern. onär und Praktikanten-CEO Lee Iacocca (Ford, Chrysler), „is everything“. Wer den Begriff eine digitale Revolution später plus „Unternehmer“ und „Mitarbeiter“ googelt, kriegt daher zwölf Millionen Treffer, denn Motivation ist kein Aspekt, sondern Wesenskern ökonomischer In- teraktion. Besungen in Millionen von Re- den. Beworben in Tausenden von Ratge- bern. Vermittelt durch Hunderte von Motivationstrainern allein in Hamburg. Dennoch, meint mit Jochen Waibel einer davon, „wird sie unterbewertet“. Vom Kicker für Programmierer bis zum Vorstandstrip in den Escape-Room nimmt die Vielfalt der Motivationsmaß- nahmen (Incentives) stetig zu. Doch vie- les davon, weiß der Wirtschaftscoach aus langjähriger Erfahrung seiner Mediati- onsfirma Stimmhaus, „ist halbherzig und oft Fassade“. Deshalb müsse man genau prüfen, was konstruktiv sei. Massage- bank, Bällebad und Schokoriegelregal zum Beispiel taugen bestens zur Motiva- tion, können aber auch träge machen. Ein Blick in die produktive Lässigkeit der Hamburger Google-Zentrale mit kos- tenloser Kantine, Sportsbar, Polsterland- schaften, 3-D-Cave zeigt zwar, wie anre- gend kreative Büroausstattung sein kann. Und wenn Vertreter der analogen Epoche wie die Haspa dem Vorbild der digitalen Arbeit 4.0 folgen und sich vom Boten aufwärts duzen, ist das der Corporate Identity gewiss so zuträglich wie die Ab- schaffung des Geschäftsführerfahrstuhls. Dennoch ist Motivation weit mehr als die Übersetzung vom lateinischen „movere“ Massagebank und Bällebad können auch träge machen ILLUSTRATION: MARTINA HELD; FOTO: THOMAS LUTHER

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