Dezember 2019

HAMBURGER WIRTSCHAFT 60 FOTO MICHAEL ZAPF OPFER GEDENKEN KATHRIN ENZEL kathrin.enzel@hk24.de Sehr ergreifend waren auch die Ausschnitte, die Brandis aus den Briefen seines Großvaters Dr. Hein- richWohlwill vorlas, der bis 1933 zumPlenumundder Industriekommission der Handelskammer gehörte. Etwa die Schilderung, wie er eine blecherne Uhr kau- fen musste, da die Familie allen Schmuck hatte abge- ben müssen: nur eine der zahlreichen Schikanen des NS-Regimes, die das Leben dieser drei gut in der Ham- burger Wirtschaft vernetzten und etablierten Unter- nehmer nach 1933 immer unerträglichermachte. Eduard Goldschmidt konnte 1939 nach England flüchten, aufgrund zahlreicher Abgaben wie der „Reichsfluchtsteuer“ blieben dem vormaligen Vor- standsmitglied der Wertpapierbörse aber nahezu keine Mittel für einen Neustart in der Fremde. Den beiden Ehepaaren Mayer und Wohlwill gelang die Flucht nicht mehr. Sie wurden nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Historische Kommission eingesetzt Die Arbeit der Stolpersteinkommission ist mit dem Erscheinen des Buches beendet. Doch die Beschäf- tigung mit den Schicksalen der Verfolgten und Er- mordeten machte eines sehr deutlich: Es reicht nicht, sich nur mit den Opfern zu befassen. Denn in den Biografien zeigt sich immer wieder, dass die Handelskammer als Organisation insgesamt – und vielleicht auch einzelne ihrer Vertreter in besonde- rem Maße – an der Durch- und Umsetzung von Maßnahmen der nationalsozialistischen Wirt- schaftspolitik beteiligt war. Mit der Verlegung der Stolpersteine und dem Erscheinen dieser Dokumentation ist deshalb die Beschäftigung der Handelskammer mit ihrer Rolle in der NS-Zeit noch nicht abgeschlossen. ImNovem- ber 2018 entschied das Plenum der Handelskam- mer, eine Folgekommission ins Leben zu rufen: Diese soll die Verstrickungen der Handelskammer mit dem Dritten Reich genauer beleuchten und klä- ren, welche Vertreter des Haupt- und Ehrenamtes auf welche Weise von einer Nähe zur NS-Gewalt- herrschaft profitierten. Die historische Kommission umfasst neben Vertretern des Ehren- und Hauptamtes der Han- delskammer auch Wissenschaftlerinnen der For- schungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg und der Universität Hamburg und bindet so externen Sachverstand ein. Sie hat im Februar 2019 ihre Arbeit aufgenommen; im September 2020 sollen die Ergebnisse vorliegen. Diese werden dann im Frühjahr 2021 in einem weiteren Buch der Öffent- lichkeit vorgelegt. Verdienstvolle Bürger dieser Stadt wurden langsam entmündigt, entwürdigt, vertrieben oder der Vernichtung zugeführt. PROF. DR. MATTHIAS BRANDIS Aus Freunden und Nachbarn wer- den erschreckend schnell ,Fremde‘ oder ‚die anderen‘. ANNETT NACK-WARENYCIA WEITER LESEN Die Commerz- bibliothek hält auch maßgebliche Literatur zur Wirt- schaftsgeschichte (Hamburgs) in der NS-Zeit bereit. Einige Beispiele: → Frank Bajohr: „Arisierung“ in Hamburg, Hamburg 1997 (1998/142) → Ingo Köhler: Die „Arisierung“ der Privatbanken im Dritten Reich, München 2005 (2007/025) → Friederike Litt- mann: Ausländi- sche Zwangsarbei- ter in der Hambur- ger Kriegswirt- schaft 1939–1945, München 2006 (2006/066) → Christoph Strupp: Nahverkehr und Nationalsozialis- mus: die Hambur- ger Hochbahn AG imDritten Reich, München 2010 (2011/003)

RkJQdWJsaXNoZXIy MjI2ODAz