Dezember 2019

HAMBURGER WIRTSCHAFT 42 WOCHEN MÄRKTE sumverhalten: Die Kunden wollten immer billigere Lebensmittel – und ein möglichst vielfältiges Obst- und Gemüseangebot über das ganze Jahr. Doch diese Wünsche sind irgendwann weder mit den Personalkosten noch den Profitmargen fliegender Händler vereinbar. Mit dem Aufkommen von Lie­ ferdiensten wie Lieferando oder Amazon ist inzwi­ schen zudem abzusehen, dass sich die Kundschaft mittelfristig nicht nur ihr Abendbrot, sondern auch den Frühstücksbelag anliefern lässt. Und damit könnte der schönen alten Welt inhabergeführter Nahversorgung langfristig das Ende drohen. Ein flächendeckender Exodus ist zwar bisher noch nicht zu bemerken. Doch erst imMärz gab der Wochenmarkt am Schulterblatt auf. Kurz zuvor musste der Markt vor der Eimsbütteler Apostelkir­ che schließen, dessen Stände seinerzeit aus der be­ nachbarten Grundstraße emigriert waren. „Es gibt viel mehr freie Standplätze als Händ­ ler“, beklagt der Bergedorfer GemüsebauerWilfried Thal als Landesverbandspräsident des ambulanten Handels. Und das liegt nicht nur am Besucher­ schwund. Handelskammer-Referent Michael Kuhl­ mann nennt etwa die morgendliche Verkaufszeit von 8.30 bis 13 Uhr „einfach nicht mehr zeitgemäß“ – für Kunden, aber auch für Verkäufer. Frühes Aufste­ hen, Umsatzeinbußen, aber auch bürokratische Hürden wie eine Abgabenordnung, die auch Selbst­ vermarktern nun manipulationssichere Kassen für MÄRKTE IN ZAHLEN Bundesweit gibt es derzeit 3300Wo- chenmärkte, davon 80 in Hamburg. Deren Umsatz ist nicht bekannt, dürfte imVergleich zum stationären Lebensmittel-Ein- zelhandel aber minimal sein: Allein die fünf größten Unternehmen die- ser Branche haben etwa 75 Prozent Marktanteil. Dabei hat Hamburg dank demAlten Land und der Vier- und Marschlande mit mehr als 200An­ baubetrie- ben beste Voraus- setzungen für eine wettbewerbsfähige Nahversorgung. Übrigens: Für Nah- rungsmittel gaben die Deutschen 2018 rund 160Mil- liarden Euro aus. Aldi eigentlich nicht mehr geben dürfte: auf Wo­ chenmärkten. Doch auch Jahrzehnte nach dem Ende dieser historischen Epoche wirken dieMärkte quickleben­ dig – zumindest auf den ersten Blick. Sonntag für Sonntag besuchen Abertausende den berühmtes­ ten und mit knapp 220 Jahren ältesten Wochen­ markt der Hansestadt: den Fischmarkt zwischen Landungsbrücken und Fischauktionshalle. Allein 80 der bundesweit rund 3300 Wochenmärkte sind in Hamburg aktiv – in jeder Größe, Form und Aus­ richtung. Und wer amMittwoch- oder Samstagmor­ gen bei Sonnenschein über den Großneumarkt schlendert oder sich am Freitag bei Regenwetter trockenen Fußes durch den Isemarkt unter der Hochbahn einen Weg bahnt, kann sich kaum vor­ stellen, dass Wochenmärkte ein Problem haben. Aber das haben sie. Natürlich. Eine bedrohte Branche Seit der Gründung des ersten Selbstbedienungs­ ladens im Jahr 1949 am Berliner Tor haben Super­ märkte die Wochenmärkte immer tiefer in die Ni­ sche gedrängt – allen voran die „großen Fünf“ der Lebensmittelbranche, vom Marktführer Edeka mit Sitz in der City Nord über Lidl und Aldi bis zur Düs­ seldorfer Metro. Die wachsende Berufstätigkeit von Frauen ließ die Kundinnenzahl auf den Wochen­ märkten sinken, hinzu kam ein verändertes Kon­ Rund 200 Händler auf 12000Quadratme- tern Fläche: Der Ise- markt ist in Hamburg eine echte Tradition

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