Dezember 2019

HAMBURGER WIRTSCHAFT 30 PERSÖNLICH HENNING VÖPEL Welche weiteren Prozesse müssen sich am Standort Hamburg ändern? Bei der digitalen Infrastruktur haben wir hier und da immer nochNachholbedarf. Es geht aber auch umBil- dungsangebote. Bildung ist eine wesentliche Voraus- setzung dafür, dass Menschen Lust haben auf Verän- derungsprozesse. Und wenn sie das Gefühl haben, sie sind Verlierer eines Transformationsprozesses, dann ist klar, dass sie sich darauf nicht einlassen. Wenn wir die Menschen vorbereiten und sie zu potenziellen Ge- winnern dieses Prozesses machen, dann kommt auch die Akzeptanz derMenschenund der Unternehmer. Im Jahr 2018 ging die Zahl derer, die sich selbst- ständig gemacht haben, zurück. Das spricht nicht für den Unternehmergeist der Hamburger, oder? Das spricht vor allem dafür, dass wir den Unterneh- mergeist nicht ausreichend in Unternehmertat um- setzen. In Hamburg wäre es gut, wir würden insge- samt mehr Risikokapital an den Start bringen. Wir sprechen ja bereits über einen Fonds mit über 100 Millionen Euro, der aber noch nicht so richtig an den Start gegangen ist. Der zweite Faktor sind die interna- tionalen Netzwerke. Wir müssen die besten Talente nach Hamburg bekommen. Das ist leichter gesagt als getan. Wir haben in Hamburg gute Netzwerke, aber die müssten noch offener und internationaler wer- den. Hamburg ist international bekannt als Hafen- und Handelsstadt, spielt jedoch politisch, kulturell undwissenschaftlich keine große Rolle. Es ist aber für Gründermilieus sehr wichtig, auch in dieser Hinsicht dicht am Puls der Zeit zu sein. Und wenn man da mit- spielen möchte, muss man den Anspruch formulie- ren, in dieser Liga mitspielen zu wollen. Es geht da- rum, teilzuhaben und mitzuwirken an den weltweit relevantenEntwicklungen, IdeenundNetzwerken. Derzeit verdüstert sich auch der konjunkturelle und handelspolitische Horizont. Wie schätzen Sie die Lage der Stadt ein? Wir stehen definitiv vor einer konjunkturellen Ein- trübung. Wie stark diese sein wird, können wir heute noch nicht sicher sagen. Wir gehen auf jeden Fall davon aus, dass sich 2020 die Weltkonjunktur weiter eintrübt. Und natürlich wird Hamburg das merken. Der Süden Deutschlands mit seinem star- ken industriellen Sektor hat das schon im ersten Halbjahr 2019 gespürt. In Städten wie Hamburg, die einen ausgeprägten Dienstleistungssektor besitzen, scheint die Lage noch robust zu sein.Wir haben hier gerade eine Rekordbeschäftigung erreicht. Dieser Zuwachs wird sich eher verlangsamen. Kann man trotz dieser Unsicherheiten einen Ausblick auf das Jahr 2030wagen? Wir müssen die besten Talente nach Hamburg bekommen.

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