Dezember 2019

WWW.HK24.DE 29 PERSÖNLICH HENNING VÖPEL Ich bin da zwiegespalten. Ich finde, dass Wissen- schaft keinen direkten Gestaltungsanspruch erhe- ben sollte. Sie sollte sich darauf beschränken, unab- hängig und wertneutral Grundlagenforschung zu betreiben. Aber ich finde es positiv, dass Wissen- schaft in die Gesellschaft hinein kommuniziert. Glauben Sie, dass sich das zumPositiven ändert? Vielleicht noch nicht überall, aber ich sehe doch, dass sich neue Netzwerke formen, die sich für Verän- derung einsetzen und in der Stadt etwas anschieben. Das ist eine Voraussetzung dafür, wenn wir als Stadt weiterkommen wollen. Ich gehörte ja immer zu je- nen, die relativ früh mit Blick auf die digitale Trans- formation Veränderungen angemahnt haben. Und man hat in Hamburg mittlerweile zumindest das Be- wusstsein dafür, dass man etwas tun muss. Der Ha- fen etwa ist, was die digitalen Prozesse betrifft, tat- sächlich einer der Treiber in der Stadt geworden. Sie haben vor Kurzem gesagt, Unternehmen müssten „agil und neugierig“ sein. Trifft das auch auf Hamburg und die Hamburger Wirtschaft zu? Man kann der Disruption, also der radikalen tech- nologischen Umwälzung, die um uns herum bereits passiert, tatenlos zusehen. Oder man kann sie aktiv gestalten. Diesen Anspruch sehe ich bereits in vie- len Köpfen, aber daraus müssen dann auch Hand- lungen resultieren. Ich glaube, da gibt es tatsächlich noch ein Umsetzungsdefizit. Das ist für eine klein- teilige, mittelständisch geprägte Wirtschaft wie der Hamburgischen aber auch nicht so leicht. Alle Un- ternehmen haben gerade in den letzten zwei, drei Jahren extrem viel damit zu tun gehabt, die sehr gut laufende Konjunktur überhaupt zu bedienen. Wie sollen die dann sozusagen nebenbei noch ihr Ge- schäftsmodell auf links drehen? Wenn man den Zahlen etwa der KfW glaubt, in- vestieren die meisten mittelständischen Unter- nehmen viel zu wenig in Digitalisierung und In- novation. Würden Sie da zustimmen? Definitiv. Ich glaube nur, dass man ihnen dabei helfen muss, weil es am Ende auch ein Ressour- centhema ist. Alle wissen, dass es mittelfristig viel- leicht die wichtigste strategische Aufgabe von Unter- nehmen ist, das eigene Geschäft zu transformieren. Aber das kann ein Mittelständler, der im operativen Geschäft 100 oder 1000 Mitarbeiter organisieren muss, nicht mal nebenbei bewerkstelligen. Aber wird der Druck auf die Wirtschaft an die- sem Punkt nicht zunehmend größer? Der Standort Hamburg hat aus meiner Sicht in der Tat ein relativ hohes technologisches Disruptions→ risiko. Viele der Geschäftsmodelle, die hier sind, sind relativ stark gefährdet. Gleichzeitig haben wir eine relativ hohe strukturelle Trägheit. Das heißt, wir können aus demHafen jetzt nicht innerhalb von fünf Jahren etwas völlig anderes machen. Wenn man das beides zusammennimmt, glaube ich, müs- sen wir aufpassen. Denn innerhalb von fünf Jahren können wesentliche Teile der regionalen Wert- schöpfung wegfallen. Auch deswegen haben wir als HWWI das Hammerbrooklyn-Projekt mit initiiert. Ich bin überzeugt, wir müssen einen Ort schaffen, an dem Unternehmen eine offene Innovationskul- tur finden, Zugang zu Netzwerken bekommen und Methoden der Transformation erhalten. Viele der hiesigen Geschäftsmodelle sind relativ stark gefährdet. Zukunftsprojekt: die Hammerbrooklyn.Box neben der Oberhafenbrücke … … und der geplante Neubau zur Erforschung der digitalen Transformation BILD: MOKA-STUDIO

RkJQdWJsaXNoZXIy MjI2ODAz