Dezember 2019

HAMBURGER WIRTSCHAFT 20 FOTOS: SEBASTIAN FUCHS, LICHTBLICK SE/BASTIAN WERNER KONTROVERS DISKUTIERT Sollten Restaurantgäste, die zu spät absagen, Stornogebühren zahlen? PRO KONTRA Gastronomen (und solchen, die es werden wollen) bietet die Handels- kammer eine Vielzahl von Infor- mationen und Veranstaltungen. Eine aktuelle Übersicht finden Sie unter www.hk24.de/ gastgewerbe Alle haben Verständnis Fabio Haebel (33) Inhaber Restaurant hæbel Als ich mein Restaurant vor neun Jahren eröffnete, war es eher ein Bistro. Reservierungen waren damals noch nicht notwendig. Inzwischen habe ich ein ande- res Konzept und biete ein festes Fünf-Gänge-Menü an, das monatlich wechselt. Um kalkulieren zu können, bin ich jetzt auf Reservierungen angewiesen.Wenn je- mand kurzfristig absagt oder einfach wegbleibt, habe ich einProblem. ImJahr zuvor fuhr ich dadurch einen Verlust von rund 30 000 Euro ein. Deshalb nehme ich seit Anfang 2019 Stornogebühren. Eigentlich möchte ich sie gar nicht erheben, aber es kann auch nicht sein, dass ich auf denKosten sitzen bleibe, wenn jemand nicht oder kurzfristig absagt. Ich handhabe das aber relativ kulant: Die Stornogebühr wird nur dann fällig, wenn jemand weniger als 24 Stunden vorher absagt und ich denPlatz nicht neu be- setzen kann. Das ist bislang nur bei acht Gästen vorge- kommen, und bis auf eine einzige Ausnahme hatten eigentlich alle Verständnis. In einigen Restaurants, die wie ich nur ein Menü anbieten, müssen die Gäste den gesamten Betrag gleich bei der Reservierung be- zahlen. Das wollte ich so nicht. Mein Menü kostet 89 Euro, eine Stornierung 60 Euro. Abgerechnet wird über die Kreditkarte, deren Nummer man gleich bei der sicheren Onlinebuchung eingeben muss. Aber auch hier nehme ich Rücksicht, denn sollte jemand keine Kreditkarte besitzen, findet sich eine andere Lösung. Einige Gastronomen be- fürchten, die Gäste könnten ihnenwegbleiben, sobald sie eine Kreditkartennummer erbitten. Das hæbel hat im Jahr 2019 einen Zuwachs von 18 Prozent verzeich- net – das kann es also nicht sein. Darum bleibe ich auch dabei und werde die Stornogebühr weiter erhe- ben. Meine Gäste haben sich inzwischen daran ge- wöhnt. Keine Komplikationen Steffen Hellmann (57) Geschäftsführer Restaurant Nil und Nil No6 Im Nil haben wir nie Stornogebühren genommen, unddamit sindwir 30 Jahre lang gut gefahren. Unsere Gäste sind größtenteils recht zuverlässig. Und für alle Fälle rufen wir an ausgebuchten Abenden die Gäste mit Reservierung an, ob sie auch wirklich kommen. Manchmal vergessen Menschen ihre Reservierung einfach nur. Fehler zu machen ist menschlich, und das möchte ich nicht bestrafen. Wir haben ein No- Show-Aufkommen von vielleicht einem Prozent. An vollen Tagen kann man das mit entsprechender Er- fahrung durch leichtesÜberbuchenausgleichen. Etwa dieHälfte unserer Reservierungen erhalten wir übers Telefon. Um ein schriftliches Einverständ- nis für No-Show-Gebühren zu bekommen, müssten wir dann immer eine Mailadresse aufschreiben, den Gästen eine Bestätigungmit denAGB sendenundden Eingang der Zustimmung notieren. Das wäre viel bü- rokratischer Aufwand mit einigen Fehlerquellen, ge- nausowie beimEintreibenderGebühren. Im hæbel und im Berliner Sternerestaurant No- belhart & Schmutzig gibt es nur feste Menüs, daher kann der verursachte Schaden durch unabgesagtes Nichterscheinen einigermaßen gut berechnet wer- den. Und da die beiden Restaurants als meistens aus- gebuchtbekannt sind, habensieeherwenigespontane Besucher. Da bleibt der Tisch dann leer, und es gehen gleich 10 bis 20 Prozent vom angenommenen Umsatz verloren. Da lohnt sichderMehraufwandwohl. Bei uns ist die Situation eine andere, wir haben zum Beispiel mehr Laufkundschaft. Der negativste Aspekt ist für mich die Tatsache, dass wir mit dem Bestehen auf Stornogebühren sämtliche Gäste unter Generalverdacht stellen würden. Das wäre gegen- über all jenen, die sich korrekt verhalten, unfair. Fazit: Mir ist das alles zu kompliziert, und in die- semFall verzichte ich lieber auf Komplikationen.

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