Dezember 2017
HAMBURGER WIRTSCHAFT 12 / 17 MACHER 20 FOTOS: HENDRIK LÜDERS (3), PIANOHAUS TRÜBGER (2) V erwinkelte Gänge führen zwischen Klavieren und Flügeln hindurch zu Yvonne Trübgers Lieblingsplatz, einem im Vergleich zum Rest des Geschäf- tes wenig glanzvollen Raum. Holzgeruch liegt in der Luft. „Mein Herz hängt an der Hobelbank“, sagt die gelernte Klavierbau- erin. Als sie vor 20 Jahren die Führung des Pianohauses Trübger übernahm, setzte sie eine Familientradition fort. Auch ihre Liebe zur Arbeit in der Werkstatt steckt ihr in den Genen: Die war schon für Yvonne Trübgers Urgroßvater das Herzstück des Geschäfts. 1872 startete er als „Instrumen- tenmacher und Clavierstimmer“ – bis Hamburgs Bürgertum mit seinem Hang zur feinen Hausmusik dafür sorgte, dass sich der kleine Betrieb zum Pianohandel weiterentwickelte. Im Oktober feierte das Pianohaus in der Schanze sein 145-jähriges Bestehen. Der Hamburger Pianist Sebastian Knauer trat auf. Knauer, gerade mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, kennt die Familie schon seit Jahren: Er war einer der ersten jungen Nachwuchskünstler, die den Trüb- ger-Klassik-Preis erhielten. Den lobt die Familie schon seit Jahrzehnten im Rah- men von „Jugend musiziert“ aus. „Die Nachwuchsförderung ist mir eine Her- zensangelegenheit“, sagt Yvonne Trübger. „Wir versuchen, uns dort einzubringen, wo wir bei Kindern und Jugendlichen Po- tenzial sehen.“ Das Pianohaus wurde für diesen Einsatz unter anderem mit dem „KulturMerkur“ der Hamburgischen Kul- turstiftung und der Handelskammer Hamburg ausgezeichnet. Die Förderung des Nachwuchses ist eine Tradition, die Trübger von ihren Vorfahren übernommen hat. Das Piano- haus hat eine bewegte Geschichte hinter sich, seit es imOktober 1872 von Friedrich Reinhold Trübger I. imSchanzenviertel ge- gründet wurde – damals noch an der Alto- naer Straße. Der Standort hatte zu der Zeit eine besondere Bedeutung für die Ham- burger Klavierbauerszene und deren Prot- agonisten. „Die Schanze ist die Geburts- stätte des Hamburger Klavierbaus“, sagt Yvonne Trübger. Nach ihrem Großvater, der das Pianohaus in die heutigen Räume an der Schanzenstraße verlegte, und ih- rem Vater, der das Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbaute, führt sie das Unternehmen nun in vierter Gene- ration. Sie hat es auf eine Ladenfläche von 700 Quadratmetern vergrößert, die unter anderem die Meisterwerkstatt, einen klei- nen Konzertsaal und ein Studio beinhal- tet. Mehr als 60 000 Instrumente hat das Pianohaus nach eigenen Angaben seit sei- ner Gründung verkauft, rund 500 stehen ständig zur Miete zur Auswahl. Inzwischen konzentriert sich das Hauptgeschäft je- doch längst nicht mehr nur auf die klassi- schen Instrumente, wie sie der Gründer im 19. Jahrhundert baute. Mehr als 70 Pro- zent der verkauften Instrumente sind heute sogenannte „Silent Pianos“, die stummgeschaltet werden können, sodass nur der Musiker selbst die Töne über Kopf- hörer hören kann. Zudem bietet Yvonne Trübger „Disc-Flügel“ an, die sich mit dem Internet verbinden lassen und deren Preise sich ab 26000 Euro aufwärts bewe- gen. Während sie selbst das Angebot im Geschäft an die veränderte Nachfrage der Kunden anpasst, beobachtet Yvonne Trüb- ger, was auf der anderen Seite der Fenster- scheiben in dem Viertel passiert, in dem ihr Urgroßvater einst den Zeitgeist der Yvonne Trübger führt das Familienunternehmen in vierter Generation Guter Ton aus der Schanze Seit 145 Jahren ist das Pianohaus Trübger im Schanzenviertel eine Institution. In der Tradition verwurzelt, punktet es gleichzeitig mit Hightech-Geräten und per Social Media.
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