Dezember 2017

ILLUSTRATION: SABRINAMUELLER.COM; FOTOS: ULRICH PERREY D er Hamburger Hafen – hier kennt Olav C. Ellerbrock sich aus. Er weiß, wo die Containerriesen aus China oder Indien ankommen und deren Ladung gelöscht wird. „Ich hatte mein ganzes Le- ben lang mit Tee zu tun“, sagt der 86-jäh- rige Seniorchef von Hälssen & Lyon und Honorarkonsul Sri Lankas. Schon Eller- brocks Vater und Großvater leiteten das traditionsreiche Unternehmen. Seit 130 Jahren sitzt es in der Speicherstadt, die 1879 gegründete Teefirma ist dort der äl- teste Mieter. Als Vorstandsvorsitzender des Deut- schen Teeverbandes (1974 bis 1998) hatte Ellerbrock ein Ziel: „Ich wollte Hamburg zum Haupthandelsplatz für Tee in Europa machen.“ Heute lässt sich sagen: Mission erfüllt! Die Hansestadt hat London und Rotterdam schon lange abgehängt. Einzig die Bremer wollen das nicht wahrhaben. Aber das liegt wohl am nachbarschaftli- chen Wettbewerb – und der wirkt sich be- kanntlich auf beide Seiten belebend aus. Die Zahlen jedenfalls sind eindeutig. Weit mehr als 50 Prozent des in Europa ge- handelten Tees werden heute im Hambur- ger Hafen umgeschlagen, jährlich 200000 Tonnen. 45 Prozent der Mitglieder des Deutschen Teeverbandes, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, sind in der Metropolregion Hamburg ansässig. In der Hansestadt gibt es eine Vielzahl an Großhändlern, auch der Europäische Tee- verband THIE (Tea & Herbal Infusions Eu- rope) ist hier. „Tee spielt für den Wirtschaftsstand- ort Hamburg eine große Rolle“, sagt Corinna Nienstedt, Leiterin des Geschäfts- bereichs International der Handelskam- mer Hamburg. „Die Arbeit des Teeverban- des ist nicht nur für unsere Stadt, sondern auch für die nationale Teewirtschaft und sogar für die Firmen in den Erzeugerlän- dern von großer Bedeutung.“ In Hamburg und seinem Umland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine komplette Infrastruktur entwickelt. „Händler, Veredler, Abpacker, Vermarkter, Prüflabore und Mischbetriebe haben sich hier angesiedelt und bilden ein Netzwerk, von dem alle profitieren“, sagt Jochen Spethmann, Gesellschafter und Aufsichts- ratsmitglied der Laurens Spethmann Hol- ding (LSH) und seit 1998 Vorsitzender des Teeverbandes. Dabei sind die Betriebe über die gesamte Hamburger Metropolre- gion und alle Himmelsrichtungen verteilt. Laut dem Deutschen Teeverband stie- gen 2016 hierzulande die Importe aus 61 Ländern an schwarzem und grünem Tee um 0,6 Prozent auf 57518 Tonnen. Beim Export in 110 Länder betrug der Zuwachs 1,2 Prozent auf 25413 Tonnen. Im Durch- schnitt hat jeder Bundesbürger 28 Liter Schwarz- oder Grüntee getrunken, die Bestmarke aus dem vergangenen Jahr wurde somit bestätigt. Dazu kommen noch 40,4 Liter an Kräuter- und Früchte- tees, zu denen auch der afrikanische Rooi- bos zählt. Deren Verbrauch stieg gegen- über dem bisherigen Rekordjahr 2015 von 39249 auf 39445 Tonnen an. Seit rund 5000 Jahren werden die Blätter der Teepflanze ( Camellia sinensis ) zur Zubereitung von Aufgussgetränken verwendet, zuerst in China. Die Niederlän- der brachten 1610 den Tee nach Europa. Die Geschmacksrichtungen reichen von blumig und lieblich über fruchtig und minzig bis zu würzig und herb. Assam, Hauptbestandteil der berühmten Ostfrie- senmischung, ist sehr stark, Darjeeling fein. Seine dunkle Farbe erhält Schwarztee durch den Prozess der Fermentation (Oxi- dation). Grüntee dagegen ist nicht fermen- tiert. „Tee ist sehr vielfältig und hat deshalb gute Chancen, sich weiter zu entwickeln“, ist Spethmann überzeugt. Das Verhältnis zum Kaffee, von dem die Deutschen pro Jahr durchschnittlich 165 Liter trinken, sieht er entspannt: „Ich trinke keinen Kaf- fee.“ Trotz der Steigerung ist der Teekon- sum in anderen Ländern deutlich höher als in Deutschland. Tee wird hier unter- schätzt. Die Ostfriesen wissen es besser: Sie sind mit jährlich 300 Litern Teekon- sum pro Kopf Weltmeister. Um Tee, nach Wasser das am zweit- meisten konsumierte Getränk weltweit, noch attraktiver zu machen, unternimmt die Branche einiges. „Wir wollen zeigen, dass Tee ein echtes Trendprodukt ist“, sagt etwa Annemarie Leniger, Geschäftsfüh- rerin der Ostfriesischen Tee Gesellschaft (OTG) und im Vorstand der Wirtschaftsver- einigung Kräuter- und Früchtetee (WKF) aktiv. „Tee passt perfekt zum wachsenden Bedürfnis der Menschen nach Wellness, Gesundheit und natürlicher Ernährung.“ Mit demMeßmer MOMENTUM setzt Leni- ger zudem auf den Erlebnisfaktor. „Tee zu trinken, ist ein entschleunigendes Ritual, das zelebriert werden will“, sagt sie. Das Meßmer MOMENTUM gehört zur OTG, die ihren Sitz eigentlich in Seevetal hat. Dennoch wurde der Flagship-Store in Hamburg eröffnet, weil sich hier die grö- ßere Bühne bietet. Und die bessere Aus- sicht. Denn der Blick aus der hellen Tee- Lounge geht über die HafenCity hin zur Speicherstadt. Es gibt auch noch einen Shop, ein kleines Museum und einen Ver- kostungsraum. Die Besucher, die aus der ganzen Welt hierher kommen, fühlen sich wohl. 2009 war die Eröffnung, im April 2016 wurde umgebaut. „Wir wollten mehr Groß- zügigkeit und Strahlkraft“, sagt Leniger. Der Zuspruch gibt ihr Recht: Statt 150000 sind es nun 220000 Besucher pro Jahr. Mu- sik, Literatur und natürlich die beliebten Tee-Workshops unter Anleitung der Tea Taster tragen mit dazu bei, dass das HAMBURGER WIRTSCHAFT 12 / 17 TITEL 13 TITEL Hamburg kann Tee Willkommen in der Tee-Hauptstadt Europas! Nirgendwo auf dem Kontinent werden so große Mengen des Aufgussgetränks umgeschlagen wie hier. Aus gutem Grund.

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