November 2018

Z um Beginn der Kinosaison im Herbst hat das Hamburger Filmfest über 40000 Cineasten in fünf Hamburger Kinos gezogen und mit fast 300 Gästen aus dem Filmgeschäft für besondere Highlights gesorgt. Matthias Elwardt ist seit 28 Jahren Programmchef des Abaton Kinos am Allende-Platz und freut sich in jedem Jahr wieder auf den großen Rummel: „Wir als Programm- kino profitieren von der Kooperation. Zum einen werden die Säle für acht Tage vermietet, zum anderen kommt uns die öffentliche Aufmerksamkeit sehr zugute, die das Thema Kino in dieser Zeit erhält und den Hamburgern Lust auf Kino macht.“ Neben dem Werbeeffekt sieht Elwardt im Filmfest auch Vor- teile für die eigene Programmplanung: „Das Festivalprogramm ist für uns ein guter Testmarkt. Wir beobachten die Reaktionen des Publikums auf die einzelnen Filme und ziehen daraus Rück- schlüsse, welche Filme wir in unser künftiges Programm einbezie- hen sollten.“ Nicht nur für die Kinos, auch für die gesamte Film- branche ist das Filmfest ein großes Schaulaufen, bei dem gerade kleine und mittlere Produktionen die Aufmerksamkeit des Publi- kums und der Verleiher erwerben können. Um besonders Filme aus Deutschland zu fördern, wurde in diesem Jahr erstmalig unter zwölf Bewerbern der mit 25000 Euro dotierte Hamburger Produ- zentenpreis vergeben. Das Hambuger Filmfest hatte in diesem Jahr den Film „Roma“ des Regisseurs Alfonso Cuarón im Programm, der bei den Film- festspielen von Venedig mit einemGoldenen Löwen geehrt wurde. Das Besondere daran? Er ist eine Eigenproduktion des amerikani- schen Video-on-Demand-Dienstes (VOD) Netflix. Durch die Aus- zeichnung eines der international renommiertesten Festivals dürfte der Serien-Riese endgültig seinen Nischenplatz im Filmge- schäft verlassen haben. In Deutschland liegt die Verbreitung von Netflix mit etwa 35 Prozent Marktanteil knapp hinter dem Ange- bot von Amazon Prime Video mit etwa 38 Prozent an zweiter Stelle. Auch wenn die meisten Nutzer zu einer jüngeren Zielgruppe bis 30 Jahre gehören, setzt sich der Trend zu Online-Film- und Serien­ abos immer mehr durch. Neue Zahlen der Deutschen Filmförder- anstalt zeigen, dass die Ausgaben der Deutschen im Bereich Film und Kino heute schon fast zu einem Drittel in Onlineangebote gehen. Die steigenden Umsätze der Streamingdienste gehen dabei laut Statistik deutlich zu Lasten der DVD- und Blu-Ray-Käufe. Der Kinomarkt hingegen blieb stabil. Nick Jansen, Geschäftsführer des Studio-Kinos in St. Pauli, sieht die Entwicklung ebenfalls eher positiv: „Die Leute fangen durch die teils hochwertigen Inhalte der Streamingdienste wieder an, sich für Filmkunst zu interessieren. Sie sind Fans von Serien und Regisseuren und tauschen sich auf der Arbeit und imBekann- tenkreis intensiv aus.“ Jansen ist überzeugt, dass der Seriengenuss auf der Couch und der Besuch imKino keine Konkurrenz zueinan- der darstellen: „Für das Kino kann es nur gut sein, wenn die Lust auf Filme geweckt wird.“ Das belegen auch die Zahlen der Filmför- deranstalt. Dort zeigt sich, dass Zuschauer, die zu Hause Filme über ein Streaming-Abo sehen, außerordentlich oft ins Kino gehen und dort auchmehr Geld ausgeben. „In der Vergangenheit war das Fernsehen der Flaschenhals für den Film- und Serienkonsum. Der Erfolg von Video-on-Demand-Diensten zeigt, dass es ein Bedürfnis nach guten Inhalten gibt, den das klassische Fernsehen in dieser Couch vs. Kinosessel Ob „Stranger Things“, „The Crown“ oder „Narcos“ – Serienabende zu Hause liegen im Trend. Hamburger Kinobetreiber berichten, was diese Entwicklung für sie bedeutet. FOTOS: NICOLAS MAACK HAMBURGER WIRTSCHAFT 11 / 18  STANDORT 36 Matthias Elwardt, Programmchef des Abaton Kinos

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