August / September 2020
HAMBURGER WIRTSCHAFT 60 MENSCH LICH AUFGEZEICHNET VON FRANK SCHLATERMUND; FOTO: NORBERT DEITERS & ULRICH FLORIN GBR Die Handelskam- mer steht kleinen undmittleren Mitgliedsunterneh- men, die in der Krise sind, schnell und unbürokra- tischmit Beratung, Vermittlung und speziellen Förder- programmen zur Seite. Ansprech- partner finden Sie online: www.hk24.de/ krisenberatung Der Kampf, in den wir unverschuldet hineingeraten waren, war hart, doch er hat sich gelohnt. Meine größte Heraus- forderung Der Sprossengemüse- und Konservenproduzent Norbert Deiters (71) berichtet, wie sein Betrieb durch die EHEC-Epidemie im Jahr 2011 in Not geriet. J edes Jahr werden in Deutschland etwa 1000 EHEC-Fälle bekannt. Daher war es mysteriös, als die Erkrankungen im Mai 2011 plötzlich massiv zunahmen und es sogar zu Todesfällen kam – meistens verläuft eine Infektion sonst glimpflich. Dann die Hiobsbotschaft: Am 5. Juni, einem Sonntag, verkündete der niedersächsische Landwirtschaftsmi- nister Gert Lindemann, verantwortlich für die vielen Erkrankungen sei Sprossengemüse eines Betriebes in der Lüneburger Heide, das wahrscheinlich aus verun- reinigtemSaatgut aus Ägypten gezogenwurde. Ich sah sofort Unheil auf mein Unternehmen, dieNorbert Deiters &Ulrich FlorinGbR, zukommen – genau 25 Jahre, nachdem ich es übernommen hatte. Ich ahnte, dass nun sämtliche Sprossen hersteller unter Generalverdacht gestellt würden. Und so kam es auch. Zwar hatte ich zuvor den gesamten Betrieb auf das EHEC-Bakterium, das normalerweise imDarmvonWiederkäuern auftritt, präventiv untersuchen lassen. Doch auch der negative Befund, den wir unseren Kunden noch am 5. Juni haben zukommen lassen, spielte nun keine Rolle mehr: Bereits einen Tag später wurde die Annahme unserer Sprossen vielerorts verweigert. Daran änderte sich auch nichts, als wir kurz darauf erneut negativ auf EHEC getestet wurden. Vier Monate lang lag der Absatz bei Null. Das war existenzbedrohend. Wir klagten auf Schadensersatz, schließlich waren wir erwiesenermaßen EHEC-frei. Die Klage wurde abgewiesen. Anfang Oktober 2011 kam dann die Aufhebung der offiziellen EHEC-War- nung. Aber unser Absatz lag mit 25 Prozent noch im- mer weit unter dem, was wir vor der Krise verkauft hatten. ErstnacheinemJahr lief dasGeschäft langsam wieder an, erreichten wir etwa 50 Prozent unserer al- ten Absatzzahlen. Allerdings sollte es noch zwei wei- tere Jahredauern, biswiruns vollständig erholten. Bevor ich als Unternehmer in die Sprossen produktion einstieg, war ich 13 Jahre lang als frei beruflicher Krisenmanager in der Nahrungsmittel- branche unterwegs. Dadurch war ich in der Lage, unsere Probleme selbst professionell anzugehen. Wir hatten Kredite zu bedienen, die mir die Banken nicht gekündigt haben, da ich sie jederzeit bedienen konnte. Zum Glück lief während der EHEC-Krise unser Konservengeschäft weiter, so konnten die Verluste aus dem Frischwarenbereich etwas kom- pensiert werden. Außerdem halfen verbundene Unternehmen wie mein Online-Shop für Nahrungs- ergänzungsmittel undmeineWindkraftbeteiligung. Auch mein Partner Ulrich Florin stellte finanzielle Mittel zur Verfügung. Nicht zuletzt habe ich einiges Privatvermögen in die Firmenrettung gesteckt. Der Kampf, in den wir unverschuldet hinein geraten waren, war hart, doch er hat sich gelohnt. Entlassen mussten wir damals niemanden. Und heute stehen wir wieder gut da. Von anfänglich 13 Teilzeitkräften und einer Produktionslinie im Jahr 1986 haben wir unser Personal inzwischen auf 60 Vollzeitmitarbeiter und das Sprossenangebot auf 15 Varianten ausgebaut – hinzu kommen Konserven- produkte in bis zu 50 Varianten.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MjI2ODAz