APRIL/MAI 2026

Raus aus der Klinik Rund 20 Prozent der Krankenhaus- behandlungen ließen sich auch im ambulanten Bereich durch- führen, schätzt KVH-Chef John Afful. Auch die Kassenärztliche Bundesvereini- gung sieht großes Potenzial in der Ambulantisierung: Mehr als vier Mil- lionen Operatio- nen jährlich könn- te man ambulant statt stationär durchführen – und so jeweils acht Milliarden Euro einsparen. MVZ als Chance Rund 20 Prozent der Medizinischen Versorgungszent- ren bündeln zahl- reiche Leistungen unter einem Dach – und könnten damit als „One Stop Shop“ für die Patienten- schaft dienen, so die Handelskam- mer. Ein MSZ- Netzwerk biete enorme Chancen, die ambulante Versorgung zu verbessern und zu steigern. John A ul, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) ANTJE THIEL weiteres Problem: „Wenn niedergelassene Ärz­ tinnen und Ärzte eine im Krankenhaus begonnene medikamentöse Therapie im ambulanten Bereich fortführen, werden sie dafür unter Umständen von den Krankenkassen in Regress genommen.“ Solche Mechanismen, denen nur der ambulante Sektor unterliegt, erschwerten eine reibungslose Zusam­ menarbeit. Korrekturen gefordert Um die Ambulantisierung voranzutreiben, müsse man bei den Rahmenbedingungen ansetzen, die am­ bulante Leistungserbringer derzeit finanziell be­ nachteiligten. „Wenn man das große ambulante Ver­ sorgungsangebot erhalten und ausbauen möchte, braucht es auch Investitionen in die ambulante Infra­ struktur – nicht nur in Krankenhäuser“, so Afful. Zugleich fordert Afful mehr Mut zu notwendi­ gen, auch unpopulären Entscheidungen. Als Beispiel nennt er den Beschluss zur Schließung des Wil­ helmsburger Krankenhauses GroßSand: Sozialsena­ torin Melanie Schlotzhauer habe hier Rückgrat be­ wiesen, „zu so einem Schritt ist man in der Politik aber nur selten bereit“. Trotz massiver Proteste und Aufforderungen an die Stadt, zu intervenieren, schloss das Erzbistum als Träger der defizitären Kli­ nik die Notaufnahme und Chirurgie bereits im Juli 2025; Ende Juni werden nun die verbliebenen Abtei­ lungen abgewickelt. Offen bleibt, ob die Sozialbe­ hörde ihre Absicht umsetzen kann, dort ein „sekto­ renübergreifendes Versorgungsangebot, das auch er­ weiterte ambulante Angebote vorsieht“, in Form ei­ ner Stadtteilklinik zu errichten. Auch bei der elektronischen Patientenakte (ePA), die zumindest schnelleren Datenzugriff für alle Beteiligten ermöglichen sollte, sieht Afful Kor­ rekturbedarf: Sie könne zwar helfen, Informations­ lücken zu schließen, in der Praxis sei ihr Nutzen je­ doch begrenzt. Weil Versicherte selbst über die In­ halte entscheiden können, wüssten weder Kranken­ haus noch Arztpraxis, ob die Infos vollständig sind. „Da bräuchte es die ordnungspolitische Entschei­ dung, dass unabhängig vom Patientenwunsch wirk­ lich alle medizinischen Informationen auf der ePA gespeichert werden.“ Andere digitale Instrumente seien besser geeignet, die Brüche zwischen den Sek­ toren zu überwinden: „Bei Anwendungen wie Tele­ konsilen halte ich Digitalisierung für sehr sinnvoll“, sagt Afful. Medizinischer Austausch per Video Telekonsile – also ärztliche Beratungen per Videomit integriertem Datenaustausch – sind eine Spezialität des Hamburger Unternehmens TCC Telehealth Com­ petence Center. Mitgründer Christian Storm, selbst Intensivmediziner, entwickelt Plattformen, die Kli­ niken, Praxen und Pflegeeinrichtungen digital ver­ binden sowie Echtzeitdaten von Intensivstationen KIgestützt verarbeiten, visualisieren und auswer­ ten, um Behandlungsverläufe vorherzusagen und Entscheidungen zu erleichtern. Während einer Kon­ sultation können etwa Röntgenbilder, EKGDaten oder Befunde in Echtzeit übertragen werden. „Ein Videogespräch zwischen zwei Ärzten ist nur die halbe Miete. Man muss auch medizinische Informa­ tionen austauschen können“, betont Storm. Solche Anwendungen werden bereits in der Schlaganfallversorgung genutzt, wenn neurolo­ gische Fachkräfte per Telemedizin zugeschaltet wer­ den. Angesichts des demografischen Wandels und des Ärztemangels werde der Bedarf auch in weiteren Fachgebieten steigen, glaubt Storm: „Es wird künftig darum gehen, dass stationäre Versorger auch ambu­ lante Aufgaben übernehmen – und umgekehrt.“ Technisch seien viele Hürden längst überwun­ den. Schwieriger seien regulatorische Unterschiede zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. „Wir haben es in Deutschland mit zwei Silos zu tun, die traditionell maximal per Fax kommunizieren“, sagt Storm. Auch kulturelle Veränderungen seien nötig: Viele Einrichtungen seien es bislang nicht ge­ wohnt, enger zusammenzuarbeiten. Storm ist überzeugt, dass Patientinnen und Pa­ tienten die digitale Überwindung der Sektorengren­ zen via Telemedizin künftig einfordern werden, denn: „Erkrankungen kennen keine Sektorengren­ zen – eine Lungenentzündung ist überall dieselbe.“ WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 53 SEKTOREN TRENNUNG . - .

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