APRIL/MAI 2026
Andreas Thiede, CEO und Gründer der Pharmalogistik- gruppe VITAIRA Holding GmbH Resilienz „Die Gesund- heitswirtschaft ist ein essenzieller Bestandteil der kritischen Infra- struktur“, erklärt das Handelskam- mer-Positions- papier „Gesund- heitsstandort Hamburg 2040“. Um die Versor- gung mit Medika- menten im Kri- senfall zu gewähr- leisten, müsste die Resilienz der Branche jedoch gestärkt werden – zumal der Hafen im Ernstfall eine zentrale Dreh- schreibe für Trup- pen- und Verwun- detentransporte wäre und das Bun- deswehrkranken- haus-Personal „an der Front benötigt würde“. www. handelskammer- hamburg.de/ gesundheit-2040 Liefer- engpässe Zu den Haupt- ursachen für Lieferengpässe gehören laut EU- Kommission Pro- duktionsprobleme (50,6 Prozent), ein plötzlicher Nach- frageanstieg (16,7 Prozent) und wirt- schaftliche Grün- de (11,2 Prozent). Hinzu kommen Qualitätsproble- me oder auch Lieferprobleme bei Produkten wie Papier für die Verpackung. Eine Liste aktueller Engpässe gibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: www.t1p.de/bmg- lieferengpaesse . Infos und Down- loads liefert auch die Bundesver- einigung Deut- scher Apotheker- verbände e. V.: www.t1p.de/ abda-engpaesse sondern arbeitet auch immermit zwei Distributions- partnern, „damit selbst bei einem Achsbruch keine Ausfälle entstehen“. Qualifizierte Speditionen trans- portieren bestellte Arzneimittel bereits amnächsten Tag an Apotheken und Krankenhäuser. Zurückholen der Produktion gefordert Die Helios Kliniken, die zwei Krankenhäuser inHam- burg betreiben, sind durch ein eigenes Logistiksys- tem mit über 90 Lkw und 150 sonstigen Fahrzeugen auf Engpässe gut vorbereitet. Die Bereiche Einkauf und Logistik steuert der Gesundheitskonzern bun- desweit zentral. „Wichtige Produkte werden be- standsgeführt in abgestimmtenMengen gelagert, um Klinikleistungen bei externen Lieferstörungen als Puffer abzusichern“, sagt Philip Wettengel, Ge- schäftsführer der Helios Endo-Klinik in Altona und der Helios Mariahilf Klinik in Heimfeld. Durch ein zentrales Notfalllager sind die beiden Krankenhäu- ser zusätzlich auf Extremsituationenwie eine Pande- mie vorbereitet. Andreas Thiede, der sich seit vielen Jahren in der Handelskammer Hamburg für Gesundheitswirt- schaft engagiert, meint allerdings: „Wir sollten auf- hören, Massen von Arzneimitteln in Warenlagern zu horten.“ Stattdessen will er als Gründer von VITAIRA „die Arzneimittelproduktionwieder an denRand von Europa zurückholen“ und in der EU ein durchgängi- ges Versorgungsnetzwerk aufbauen – vomHersteller über den Großhandel bis hin zu Krankenhaus und Apotheke. Apotheker Villnow ist seinerseits überzeugt: „Die EU sollte zur Wiedererlangung der Unabhängig- keit von asiatischen Arzneimittelherstellern Förder- mittel für Europas Pharmaindustrie bereitstellen und so den Bau neuerWerke unterstützen.“ Unterdessen beobachten die Beschäftigten der 355 Hamburger Apotheken laufend den Markt nicht verfügbarer Arzneimittel und nehmen Ersatzmedi- kamente in ihr Lager auf, um lieferfähig zu bleiben. Die verpflichtende Vorratshaltung finanzieren sie vor. Entspannt sich die Situation, müssen Pufferbe- stände abgebaut werden. „Das stellt eine zusätzliche finanzielle Belastung dar“, beklagt Villnow. schützt eine Gefahrenanalyse, die „Kritische Kon- trollpunkte“ ermittelt („Hazard Analysis and Critical Control Points“, HACCP). Ein „entscheidender Fak- tor“ ist aus Eckels Sicht die Temperatur: Im 4100 Quadratmeter große Pharmalager im Stadtteil Wil- helmsburg überwachen Datenlogger die Temperatur vorschriftsmäßig in Echtzeit. Während Insulin kon- stant bei 2 bis 8 Grad gelagert werden muss, sind für Tabletten oder Salben 15 bis 25 Grad optimal. Lager- mitarbeitende und Fahrer sind speziell dafür ge- schult: „Fällt imKühl-Lkw ein Aggregat aus, muss der Fahrer das schnell wieder zum Laufen bringen und einemNotfallplan folgen“, gibt Eckel ein Beispiel. „Manmuss sich als Logistikdienstleister der Ver- antwortung bewusst sein, dass die Produkte über die gesamte Supply Chain niemals die vorgeschriebenen Temperaturbereiche verlassen dürfen“, betont Sa- scha Hinrichsen, der auch als Geschäftsführer von SERVANTIS Health Logistics fungiert. In Jenfeld la- gert die Firma auf knapp 5000 Quadratmetern Pro- dukte der forschenden Pharmaindustrie und Gene- rika. Von den rund 30 Mitarbeitenden waren viele zuvor in (Krankenhaus-)Apotheken beschäftigt. Puffer federn Produktionsausfälle oder Liefer- verzögerungen in Asien ab: „Wenn ein Hersteller Platzbedarf für 300 Paletten hat, reservieren wir 400“, sagt Hinrichsen. Redundanz ist für ihn „der Schlüssel, um Lieferengpässe zu vermeiden“. Des- halb hat das Logistikzentrum nicht nur zwei Kühl- aggregate und unterschiedliche Internetleitungen, KERSTIN KLOSS Wenn ein Hersteller Platzbedarf für 300 Paletten hat, reservieren wir 400. Redundanz ist der Schlüssel, um Liefer- engpässe zu vermeiden. SASCHA HINRICHSEN HAMBURGER-WIRTSCHAFT.DE 44 FOTO: VITAIRA LIEFER KETTEN
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