APRIL/MAI 2026
Uetrecht: In der Grundlagenforschung geht es zu- nächst vor allem um Erkenntnis. Anwendungen las- sen sich daraus nicht gezielt planen, weil man vor- her ja nicht weiß, wo und auf welchen Ergebnissen der nächste echte Durchbruch entsteht. Selbst Er- kenntnisse mit großem Potenzial, die vielleicht so- gar schon patentiert sind, erreichen nicht immer die nächste Stufe. Heinemann: Auch die Erkenntnis, dass ein be- stimmter Ansatz nicht funktioniert, ist ja wichtig. Manchmal führt Forschung in eine Sackgasse. Und manchmal dauert es Jahrzehnte, bis eine Anwen- dung entsteht. Bei den mRNA-Impfstoffen hat es etwa 20 Jahre gedauert, bis die Technologie erst- mals eingesetzt wurde. Und die klinische Nutzung von Teilchenbeschleunigern zur Tumorbestrah- lung hat sogar 30 Jahre gedauert. Woran machen Sie dann den Erfolg Ihrer For- schung fest? Heinemann: Natürlich schauen wir zunächst auf klassische wissenschaftliche Kennzahlen – etwa die Zahl der Publikationen, insbesondere in hochkarä- tigen Fachjournalen. Gleichzeitig betrachten wir auch den wirtschaftlichen Impact unserer For- schung, also Lizenzen, Patente und Ausgründun- gen. Im Ökosystem der Science City gab es 2018 neun Start-ups, inzwischen sind es bereits 35. Ein weiterer Indikator ist die Nachfrage aus der Indus- trie: Unternehmen können an unseren Synchrot- ronanlagen Strahlzeit buchen, um eigene Experi- mente durchzuführen. Diese Nachfrage ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Was kostet es denn, bei Ihnen Strahlzeit zu bu- chen? Heinemann: Das ist gar nicht so teuer – etwa 600 Euro pro Stunde. Wir machen damit keinen Ge- winn, das deckt einfach die anfallenden Kosten. Unser Ziel ist es, Kooperationen mit der Industrie aufzubauen und gemeinsam an spannenden Frage- stellungen zu arbeiten. Oft entstehen bei solchen Projekten auch Doktorarbeiten, die dann wiederum die Wissenschaft bereichern. Win-win, quasi. Bietet Hamburg gute Rahmenbedingungen für Ihre Arbeit? Uetrecht: Das CSSB ist als Multi-Partner-Institut mit mehreren Forschungseinrichtungen in dieser Form in Deutschland bislang einzigartig. Der Wis- senschaftsrat empfiehlt solche kollaborativen Strukturen zwar schon lange, doch in dieser Grö- ßenordnung gibt es sie kaum. Insofern war es durchaus mutig von Hamburg, dieses Modell zu un- terstützen. Was allerdings häufig fehlt, ist langfris- tige finanzielle Planungssicherheit – nicht nur für das CSSB, sondern für viele Forschungseinrichtun- gen. Große wissenschaftliche Projekte brauchen oft viele Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis Ergebnisse sichtbar werden. Insgesamt steht Deutschland hier zwar vergleichsweise gut da, aber es gibt durchaus noch Luft nach oben. Heinemann: Hamburg hat die Wissenschaft in den vergangenen zehn Jahren sehr konsequent unter- stützt. Besonders mit der Science City Hamburg- Bahrenfeld treibt die Stadt diese Vision voran. Die Herausforderungen liegen eher auf Bundesebene. Wir haben zwar gute Strukturen, stoßen aber im- mer wieder auf bürokratische Hürden – etwa bei steuerlichen oder energierechtlichen Fragen. Hier wäre an manchen Stellen mehr Pragmatismus hilf- reich. Ein weiterer Punkt ist die Durchlässigkeit zwi- schenWissenschaft und Industrie. In den USA ist es viel selbstverständlicher, dass Forschende zeitwei- se in Unternehmen arbeiten oder umgekehrt. In Deutschland könnte dieser Austausch noch stärker sein. Auch Genehmigungsprozesse dauern hier im internationalen Vergleich oft länger. Natürlichmüs- sen Risiken sorgfältig geprüft werden, aber in Deutschland schaut man häufig zuerst auf mögliche Probleme undweniger auf die Chancen. Dies ist nun jedoch vielfach erkannt worden, und Besserung ist in Sicht. Die Teilchenphysi- kerin Prof. Beate Heinemann unterhielt sich gemeinsam mit Prof. Charlotte Uetrecht mit HW-Autorin Antje Thiel. WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 29 PERSÖNLICH BEATE HEINEMANN & CHARLOTTE UETRECHT
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