APRIL/MAI 2026

Bei Ihrer Forschung fallen enorme Mengen von Messdaten an. Welche Rolle spielt künstliche In- telligenz dabei? Heinemann: Eine sehr große! KI ist heute zum Beispiel in der Lage vorherzusagen, wie eine Se- quenz von Aminosäuren sich zu einem Protein faltet. Das ist entscheidend, um ihre Funktion im Organismus zu verstehen. Dazu braucht die KI al- lerdings hochpräzise Daten, um etwas Intelligen- tes daraus abzuleiten. Weltweit wurden inzwi- schen Hunderttausende Proteinstrukturen experimentell bestimmt – auch an Einrichtungen wie DESY. Das ist sozusagen ein „Match made in heaven“. Die KI braucht große Mengen an guten Daten, und unsere Anlagen liefern genau diese Daten. Uetrecht: Gleichzeitig sind die riesigen Daten- mengen händisch und auch mithilfe von Program- men gar nicht mehr analysierbar. Mittlerweile sind die Vorhersagen von KI so gut, dass sie den experimentellen Daten statischer Strukturen ent- sprechen. Mittlerweile sind die Vorhersagen von KI so gut, dass sie den experimentellen Daten statischer Strukturen entsprechen. CHARLOTTE UETRECHT Heinemann: Trotzdem sollte man der KI nicht blind vertrauen. Ihre Ergebnisse müssen immer ex- perimentell überprüft werden. Rund um DESY entsteht derzeit die Science City Hamburg-Bahrenfeld. Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Uetrecht: Sehr viel. Forschung wird immer interdis- ziplinärer. Am CSSB arbeiten Partner aus verschie- denen Institutionen zusammen – unter anderem DESY, das Europäische Molekularbiologie-Labor EMBL und die Universität Hamburg. Der Fachbe- reich Physik ist bereits auf dem Campus, die Chemie ist ebenfalls vertreten undwird künftig komplett mit Teilen der Biologie auf den Campus ziehen. Schon jetzt betreuen wir viele Studierende, die hier ihre Ba- chelor-, Master- oder Doktorarbeiten schreiben. Heinemann: Genau. Gespräche auf dem Campus oder spontane Kooperationen spielen eine große Rolle. Je größer dieses wissenschaftliche Ökosys- tem ist und je intensiver es genutzt wird, destomehr Innovation kann daraus entstehen. Welche Rolle spielen junge Unternehmen und Start-ups für DESY? Heinemann: Unsere Abteilung für Innovation und Technologietransfer hat ein eigenes Büro für In- dustriekontakte. Start-ups können sich dort mel- den und uns schildern, welche konkreten Proble- me sie gern mit unserer Forschung lösen würden, sie können dann mit uns kooperieren und unsere Anlagen nutzen. Außerdem bauen wir mit mehre- ren Gebäuden, die von Land und Bund finanziert werden, ein eigenes Ökosystem für Start-ups auf. Zusammen mit der Universität und der Stadt Ham- burg betreiben wir bereits die Start-up Labs Ham- burg, in denen sich junge Unternehmen vernetzen, Labore gemeinsam nutzen und neue Mitarbeiten- de unter unseren Doktoranden und Postdocs re- krutieren können. Außerdem gibt es immer wie- der Ausgründungen. Viele Forschende haben auf der Basis ihrer Experimente hier eine gute Ge- schäftsidee – aber oft noch keine Vorstellung, wie man daraus einen Businessplan entwickelt. Viele brauchen auch eine Anschubfinanzierung. Dafür gibt es bei DESY ebenfalls Programme, sodass sie zunächst Prototypen von ihrem Produkt entwi- ckeln und testen können. Zusammen mit Förder- mitteln der Stadt oder aus Europa kann sich dar- aus ein Start-up und später ein etabliertes Unternehmen entwickeln. Entsteht aus jeder wissenschaftlichen Entde- ckung irgendwann eine Anwendung? Die Biochemikerin Prof. Charlotte Uetrecht untersucht die Struktur und Dynamik von Viren. HAMBURGER-WIRTSCHAFT.DE 28

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