APRIL/MAI 2026
Das Deutsche Elektronen-Syn- chrotron (DESY), 1959 in Hamburg gegründet, ist ei- nes der weltweit führenden For- schungszentren für Beschleuni- gerphysik, For- schung mit Rönt- genstrahlung, Teilchen- und As- troteilchenphysik. An den DESY- Standorten Ham- burg und Zeuthen (Brandenburg) arbeiten heute rund 3000 Men- schen. Der Grundetat be- trägt 349 Millio- nen Euro pro Jahr; finanziert wird DESY zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent von Ham- burg und Bran- denburg. Mit DE- SYs Teilchenbe- schleunigern und Nachweisgeräten erkunden For- schende den Mi- krokosmos in sei- ner ganzen Viel- falt. Beschleuni- ger wie PETRA III erzeugen extrem intensive Rönt- genstrahlen zum Untersuchen von Materialien, Na- nostrukturen und Biomolekülen. Im CSSB Center for Structural Systems Biology arbeiten seit 2017 drei Universitäten und sieben For- schungseinrich- tungen zusam- men, um neue grundlegende Er- kenntnisse in der Infektionsbiologie zu gewinnen. Die CSSB-Forschen- den nutzen die Infrastruktur auf dem DESY-Cam- pus in Kombina- tion mit hauseige- nen bildgebenden Verfahren wie Kryo-Elektronen- mikroskopie. Uetrecht: Diese Röntgenstrahlen sind extrem ge- bündelt und intensiv. Dadurch erreichen wir eine sehr hohe Auflösung. Wir können nicht nur kleine Moleküle separat untersuchen, sondern auch dicke- re Proben durchleuchten, bis hin zu ganzen kleinen Lebewesen. Man kann damit quasi molekulare Pro- zesse fotografieren – oder sogar filmen. Wir sehen also nicht nur statische Strukturen, sondern kön- nen auch verfolgen, wie sich Proteine bewegen oder verändern. Ein Beispiel hierfür sind sogenannte antimikro- bielle Peptide. Das sind kurze Eiweißmoleküle, die Teil des angeborenen Immunsystems vieler Lebe- wesen sind und wie eine Art natürliches Antibioti- kum gegen Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten wirken. Viele dieser Peptide können sehr lange, fa- serartige Proteinstrukturen bilden, sogenannte Fi- brillen, wie wir sie auch bei neurodegenerativen Er- krankungen beobachten, etwa bei Alzheimer oder Parkinson. Wenn wir verstehen, wie solche Fibril- len auf molekularer Ebene aufgebaut sind und ent- stehen, liefert das wichtige Hinweise darauf, wie man solche Prozesse therapeutisch beeinflussen könnte. Die strukturelle Aufklärung mit Synchrotron- strahlung liefert aber auch Ansatzpunkte für anti- virale Therapien. Es wurden zum Beispiel Wirk- stoffkandidaten an DESYs Strahllinien gescreent, um zu verstehen, wie sie an Proteine des Corona- virus binden. Heinemann: Ja, Messungen bei DESY haben auch dazu beigetragen, die Entwicklung des Corona- Impfstoffs zu beschleunigen. BioNTech ist ein pro- minentes Beispiel mit großem Impact. Aber auch viele kleinere Firmen schicken Proteinproben zur Analyse. Das läuft sehr automatisiert: Wir scannen die Proben und liefern den Unternehmen die Daten der entschlüsselten Proteine. Die Ergebnisse ver- werten dann zunächst die Firmen selbst, häufig werden sie aber zudem in große Protein-Datenban- kenwie die des EuropeanMolecular Biology Labora- tory (EMBL) eingespeist und sind dann auch öffent- lich zugänglich. → WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 27
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