APRIL/MAI 2026

DESY-Leiterin Prof. Beate Heinemann und Prof. Charlotte Uetrecht, wissenschaftliche Leiterin des CSSB beim DESY, sprachen mit der HW über das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft in der Science City. Prof. BEATE HEINEMANN leitet das For- schungszentrum DESY seit April 2025 als erste weibliche Vorsit- zende des Direkto- riums. Sie ist Pro- fessorin an der Uni- versität Hamburg. Zu Beginn ihrer Karriere arbeitete die Teilchenphysi- kerin unter ande- rem in Liverpool (Großbritannien) und Berkeley (USA). Sie studiert die fundamentalen Bausteine der Materie und ihre Wechselwirkungen und hat dazu unter anderem am welt- weit größten Be- schleuniger LHC bei CERN ge- forscht. Prof. CHARLOTTE UETRECHT ist seit Anfang 2026 wis- senschaftliche Di- rektorin am Centre for Structural Sys- tems Biology (CSSB), das sich mit DESY als Part- ner auf dem For- schungscampus Bahrenfeld ange- siedelt hat. Die Bio- chemikerin mit Sta- tionen in Utrecht (Niederlande), Upp- sala (Schweden) und beim European XFEL (Schenefeld) ist außerdem Pro- fessorin für Chemie an der Universität zu Lübeck. Die Bio- chemikerin unter- sucht mithilfe mo- derner Methoden der Massenspektro- metrie und Rönt- genstrukturanalyse die Struktur und Dynamik von Viren. Frau Prof. Heinemann, wollten Sie schon immer bei DESY arbeiten? Beate Heinemann: Ich bin tatsächlich nur etwa zehn Minuten mit dem Fahrrad von hier entfernt aufgewachsen und hatte Mitschüler, deren Eltern bei DESY gearbeitet haben. Schon in der Schule la- gen mir Mathematik und Physik, deshalb habe ich mich entschieden, in Hamburg Physik zu studieren. Aber erst da wurde mir bewusst, wie spannend Teil- chenphysik ist – und welche Möglichkeiten ein For- schungszentrum wie DESY bietet. Während des Studiums habe ich hier Praktika gemacht und schließlich auch meine Diplomarbeit bei DESY ge- schrieben. Frau Prof. Uetrecht, wann kam Ihnen der Ge- danke, dass man als Biochemikerin hier eine gute Forschungsumgebung findet? Charlotte Uetrecht: Mich hat Strukturbiologie im- mer fasziniert. Die Strukturen sind einfach schön anzusehen und haben oft eine erstaunliche Symme- trie – besonders Viren, die relativ einfach aufgebaut sind und trotzdem lebensgefährlich sein können. Während meiner Doktorarbeit hatte ich die Idee, Massenspektrometrie, die wir zur Strukturunter- suchung nutzen, mit Röntgenstrahlen zu kombinie- ren. Hier bei DESY gibt es die hellste Röntgenquelle für solche Untersuchungen. Sie sind beide die erste Frau in Ihrer jeweiligen Führungsrolle bei DESY beziehungsweise CSSB. Ist das heute erwähnenswert? Heinemann: Ich wünschte, das wäre Schnee von gestern. Leider sieht man in Teilen der Gesellschaft sogar wieder Tendenzen, die die Gleichstellung in- frage stellen. Daher glaube ich, man sollte nach wie vor auf Frauen in Führungspositionen hinweisen – und natürlich auch zeigen, dass man dem Job ge- wachsen und erfolgreich ist. Uetrecht: In der Forschung und in Wirtschafts- unternehmen sind nur etwa ein Viertel aller Pro- fessuren und Leitungspositionen mit Frauen be- setzt. Wir haben da immer noch eine „Leaky Pipeline“, also einen sinkenden Frauenanteil mit zunehmender Qualifikationsstufe. Es braucht da- her weiterhin strukturelle Änderungen – aber auch Männer, die bei der Care-Arbeit gleichbe- rechtigt mit anpacken. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschrei- ben? Heinemann: Mir ist wichtig, dass man sich an kla- ren Werten orientiert und diese auch transparent kommuniziert. Kommunikation kann es eigentlich nie genug geben. Außerdem geht es darum, in Gre- mien alle wahrzunehmen und wertzuschätzen und gemeinsam Lösungen zu finden, die für alle und für das Ganze gut sind. Transparenz ist dabei ein zen- traler Wert. Uetrecht: Für mich sind flache Hierarchien wich- tig. Die Leute sollen sich trauen, mit ihren Ideen zu kommen und sie zu äußern. Davon lebt Forschung: dass Ideen entstehen und umgesetzt werden kön- nen. Außerdem versuche ich, sehr lösungsorien- tiert zu arbeiten. Probleme gibt es immer – ent- scheidend ist, wie man sie löst. Es geht darum, Dinge möglich zu machen, zu motivieren und ge- meinsam eine Strategie zu entwickeln. DESY war lange vor allem für Teilchenphysik bekannt. Wie kam es dazu, dass heute For- schende aus vielen anderen Disziplinen hier ar- beiten? Heinemann: DESYwurde 1959 als Zentrum für Teil- chenbeschleuniger gegründet. Die Beschleuniger dienten dazu, Teilchen aufeinanderzuschießen, um mit der Kollision neue elementare Teilchen zu er- zeugen oder Prozesse der Elementarteilchenphysik zu studieren. Schon in den 1960er-Jahren wusste man aber, dass beimBeschleunigen von Elektronen, quasi als Nebenprodukt, sehr intensive Röntgen- strahlung entsteht – sogenannte Synchrotronstrah- lung. Diese Strahlung eignet sich hervorragend, um Materialien oder biologische Strukturen zu unter- suchen. Deshalb wurde unter anderem früh mit dem HASYLAB ein eigenes Institut gegründet, um diese Forschungsmöglichkeiten systematisch zu nutzen, und das European Molecular Biology Labo- ratory (EMBL) hat sich hier angesiedelt. Welcher medizinische Nutzen lässt sich daraus ableiten? HAMBURGER-WIRTSCHAFT.DE 26 PERSÖNLICH BEATE HEINEMANN & CHARLOTTE UETRECHT

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