März 2018

SMART CITY E s ist ungefähr ein Jahrhundert her, da entwickelte sich in den USA die sogenannte Technokratische Bewe- gung. Ihre Anhänger schlugen vor, Regie- rung und Verwaltung durch rationale Pla- nung zu ersetzen. Statt Politikern sollten Wissenschaftler und Ingenieure das Sagen haben. Mit dem Internet of Things, mit Smartphones, Big Data und der zuneh- menden Allgegenwart von Sendern und Sensoren in allen Lebensbereichen erhält diese Denkrichtung derzeit wieder Rü- ckenwind. Wenn wir alle Gegebenheiten, so die Vorstellung einiger Tech-Enthusias- ten, in Datenmodellen abbilden, warum können wir daraus keine rationalen Ent- scheidungen generieren? Ganz ohne poli- tische Unübersichtlichkeiten? Je besser die Daten, desto einfacher ist es, sachlich richtige Entscheidungen zu treffen – diese Vorstellung verkennt viel- leicht die Macht von Ideologien undWelt- sichten, aber richtig ist: Viele Entschei- dungen sind abhängig von der Qualität der Daten. Oder überhaupt von ihrem Vorhandensein. Ein Beispiel: Im Zuge des auch von der Handelskammer grundsätz- lich begrüßten Luftreinhalteplans disku- tierte Hamburg 2017 Maßnahmen zur Verringerung der Diesel-Emissionen auf der Max-Brauer-Allee und Stresemann- straße. Warum diese beiden Straßen? Warum ausgerechnet auf den ausgewähl- ten Abschnitten? Antwort: Weil genau hier die beiden einzigen verkehrsnahen Messstationen für die Luftqualität in Altona stehen. Für andere viel befahrene Straßen imStadtteil gibt es schlicht keine Daten, sonst würden wohl auch dort konkrete Aktionen disku- tiert. „Das ist schon ein wenig absurd“, sagt Robert Heinecke, CEO des 2017 mit dem Hamburger Gründerpreis ausge- zeichneten Start-ups Breeze Technologies. Big Data statt Bauchgefühl Schlanke digitale Verwaltungsprozesse, neue Wege der Bürgerbeteiligung und immer mehr Daten als Entscheidungsgrundlage – auch Hamburg arbeitet sich per Digitalisierung in Richtung eGovernment vor. ILLUSTRATION: ANTON HALLMANN /SEPIA Breeze entwickelt günstige und zuverläs- sige Sensornetzwerke für hochaufgelöste Live-Daten über die Luftqualität einer Stadt. Sein Pilotprojekt in Rothenburgsort liefert bereits Echtzeitdaten aus einem dezentralen Netzwerk, die im Internet einsehbar sind. „Auf Basis unser Daten kannman Strategien entwickeln, wieman Umweltprobleme am besten vermeidet, und zwar viel vernünftiger als bisher, wo nur an wenigen Punkten im Stadtgebiet gemessen wird“, sagt Heinecke. Deutlich wird die neue Ära des Daten- reichtums auch in der Verkehrsplanung. Wo früher Schüler einmal im Jahr für Ver- kehrszählungen Strichlisten führten, lie- fern heute Kartendienste wie GoogleMaps Daten rund um die Uhr. Die roten Stauli- nien, dieMenschen für ihreWegeplanung nutzen, sind in ihrer Gesamtheit auch ein Datenpool, umEntscheidungen über Aus- bau und Neubau von Straßen zu fällen. HAMBURGER WIRTSCHAFT 03 / 18  IM FOKUS 62

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