FEBRUAR/MÄRZ 2026
galt man eher als Problemfall, wenn man einen Coach brauch- te. Doch es geht darum, eine externe Referenz zu haben, die einem hilft, sich zu strukturieren. Wie organisieren Sie die interne Weiterbildung Ihrer Mit- arbeitenden? Wir haben natürlich Weiterbildungsangebote. Das beginnt bei technischen Trainings für neue Maschinen und Tools. Die Hälfte der Belegschaft arbeitet weltweit in unseren Boutiquen. Da geht es sehr stark darum zu wissen: Was sind die Geschich- ten hinter den Produkten. Welches Storytelling steckt zum Beispiel in unseren Schreibgeräten, mit denen wir häufig bestimmte Persönlichkeiten oder fiktive Charaktere ehren. Diese Geschichten müssen entsprechend erzählt werden. Wir trainieren unsere Mitarbeitenden darin, unseren Kundin- nen und Kunden unvergessliche Erfahrungen zu bereiten und einen außergewöhnlichen Service zu bieten. Ein weiterer Fokus liegt auf Leadership-Trainings. Junge Kolleginnen und Kollegen wiederum erhalten eine Art Grundlagen-Set in Projektarbeit, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Das ist ein interessanter Ansatz, gerade vor dem Hinter- grund, dass psychische Erkrankungen bei Auszubildenden mittlerweile der zweithäufigste Grund für Fehltage sind, wie die Krankenkassen melden. Wie lassen sich da Stress und Angst vorbeugen? Wir als Unternehmen können nicht die ganzeWelt retten. Aber wir können dafür sorgen, dass die Mitarbeitenden einen ge- schützten Arbeitsplatz haben, an dem sie sich entwickeln und verwirklichen können. Jeder bringt Themen mit, die sich im familiären Umfeld oder im Freundeskreis abspielen oder mit den Bedrohungen zusammenhängen, die wir in der Welt se- hen. Seit vier Jahren bietenwir einen Servicemit einer Psycho- login an, die auch voll gebucht ist. Fast die Hälfte der Belegschaft hat dieses Angebot bereits in Anspruch genommen. Wir sehen also, dass da ein Bedarf ist. Sei es bei finanziellen, privaten oder beruflichen Problemen. Diese Gespräche unterliegen natürlich der Schweigepflicht. Allerdings weist unsere Psychologin darauf hin, wenn wir bei bestimmten Themen genauer hinschauen sollen. Kommunikation ist ein we- sentlicher Faktor, umBurnout zu vermeiden. Kommunikation und Erwartungsmanagement sind gewiss auch entscheidend, damit ein junger Mensch sich im Un- ternehmen angenommen fühlt und die Ausbildung nicht abbricht. Wir sehen, dass wir gerade bei jungen Leuten da auch geduldiger sein müssen, da sie sich eben noch in der Persönlichkeitsent- wicklung befinden. Das ist ein Problem, wenn Unternehmen Ausbildung noch so sehen wie vor 50 Jahren. Unter dem Motto: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Solche Unternehmen werden drastisch damit konfrontiert sein, keine Fachkräfte mehr bin- den zu können. Andererseits: Wenn es zwischen Betrieb und Azubi tatsäch- lich langfristig nicht funktioniert, dann muss man auch Ross und Reiter benennen. Dann bin ich ein Freund davon, die Dinge nicht zu beschönigen, sondern eine klare Lösung zu finden. Nach Ihrem Jura-Studium waren Sie Rechtsreferendar am Kammergericht Berlin. Können Sie sich daran erin- nern, was Ihnen in Ihrer eigenen Ausbildung besonders ge- holfen hat? Was mich wirklich geprägt hat, nicht im juristischen Sinn, son- dern in Lebenserfahrung, war die Arbeit, die ich einige Jahre neben dem Studium gemacht habe – in einer Industrie-Galva- nik in Früh-, Spät- und Nachtschichten. Als Ferienjobs habe ich auch Fernsehgeräte ausgefahren und angeschlossen. Das sind die Erfahrungen, die mich am meisten weitergebracht haben, weil ich da mit ganz unterschiedlichen Leuten in Verbindung gekommen bin. Ich habe auch viele Jahre neben dem Studium in einer Kanzlei gearbeitet. Das hat mich sicherlich geprägt, hat mir aber auch gezeigt, dass der Anwaltsberuf nicht so sehr für mich gemacht ist, sondern ich lieber in einem Unternehmen etwas bewegen möchte. In die Zukunft geschaut: Hierzulande gibt es sehr starke Ausbildungsstandards. Muss Deutschland da flexibler und unbürokratischer werden oder ist es gut so, wie es ist? In der Handelskammer haben wir eine Arbeitsgruppe im Aus- schuss für Fachkräfte gegründet. Im Austausch mit Azubis sind wir ganz offen das Thema angegangen: Wie können wir Ausbildung attraktiver machen? Müssen wir Aus- bildung komplett anders denken? Ist die duale Aus- bildung, wie wir sie heute haben, vielleicht gar nicht mehr das Ziel für junge Leute? Wenn ich gut pro- grammieren kann, verdie- ne ich frisch aus der Schu- le ad hoc schon mehrere Tausend Euro imMonat. Also fragen sich viele junge Leute: Warum soll ich mir die Zeit mit einer Ausbildung ans Bein bin- den und dafür noch unter- durchschnittlich bezahlt werden? Wenn wir ohne- hin davon ausgehen, dass wir heute in Unternehmen lebenslang lernen müssen, warum am Anfang dann dieses Korsett? All diese Fragen haben wir uns gestellt, um einfach mal aus der Box heraus zu denken. Was dabei herauskam: Die Ausbildung, wie wir sie heute anbie- ten, ist in vielen Punkten nach wie vor wertvoll, und wir sollten in diesem Modell bleiben. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Ausbildung attraktiver wird. Und wir müssen mehr ins Be- wusstsein bringen, was Ausbildung alles kann. Sascha Schneider im Gespräch mit Birgit Reuther WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 25 PERSÖNLICH SASCHA SCHNEIDER
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