FEBRUAR/MÄRZ 2026

Erreichen diese Angebote alle potenziellen Azubis oder nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen? Wir treffen damit nicht alle. Was wir von den Azubis direkt hö- ren: Es macht sehr viel Sinn, wenn Azubis selbst für ihre Aus- bildungsberufe werben, in der Sprache der Schülerinnen und Schüler. Und zwar dort, wo sie sich aufhalten: auf Social Media. Wir nehmen unsere Azubis auch mit auf Jobmessen, damit sie praxisnah berichten können. Diese Art von Azubi- und Influen- cer-Marketing ist ein niedrigschwelliger Weg im Recruiting, den auch kleine und mittelständische Unternehmen ohne gro- ßes Budget gehen können. Wie lassen sich diejenigen auffangen und qualifizieren, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben? Zum Glück gibt es da gute Angebote in Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Agentur für Arbeit. Da ist Hamburg führend. Die sogenannte Einstiegsqualifizierung, EQ, zum Bei- spiel ist ein erfolgreiches Instrument, um schwächere Schul- abgänger über mehrmonatige Praktika an eine duale Ausbil- dung heranzuführen. Über den Verein „Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft“ beraten und vermitteln die dorti- gen vier Bildungsbegleiter gut 200 Jugendliche pro Jahr und EQ-Praktika (siehe auch Seite 46). Wie attraktiv ist Hamburg als Ausbildungsstadt? Gerade für junge Menschen von außerhalb dürfte der teure Woh- nungsmarkt doch eher abschreckend sein. Das ist tatsächlich ein Problem. Hamburg hat nach wie vor eine Magnetwirkung für junge Leute. Aber die Wohnungssituation ist eklatant. Das ist nicht nur in Hamburg so, sondern auch in München und Berlin. Ballungszentren und große Städte haben das Thema der Verknappung und Verteuerung vonWohnraum. Was lässt sich dagegen tun? Natürlichmöglichst vieleWohnun- gen bauen. Das steht im Koalitionsvertrag. Wir haben heute 1000 Plätze in Azubi-Wohnheimen. Im Rahmen der Koalitionsverhandlungen haben wir als Handels- kammer 5000 gefordert. Der Senat hat sich jetzt 3000 auf die Fahne geschrieben. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Unternehmen wie die Haspa bauen eigene Azubi-Wohnheime. Das ist eine gute Initiative aus der Wirtschaft heraus. Wir brau- chen günstigen Wohnraum, um Talente in die Stadt zu holen – und sie hier zu halten. Viele Unternehmen engagieren sich mittlerweile stark, damit junge Menschen auch bis zum Ende in ihrer Ausbil- dungsstelle bleiben. Wie gestaltet sich diese Talent Jour- ney bei Montblanc? Wir haben derzeit 14 Auszubildende, die meisten in der Pro- duktion. Beim Onboarding bringen wir sie natürlich erst ein- mal mit der Marke in Verbindung und geben viel Input zur Historie, aber auch zu unseren Produkten, zu Schreibgeräten, Lederwaren und Uhren. Die Auszubildenden arbeiten bei uns in der Ausbildungswerkstatt, wo sie die technischen Grund- fähigkeiten erlernen, sich auch untereinander austauschen können. Später geht es dann in die Abteilungen und sie ar- beiten in unseren Teams mit. Unser Ausbildungsleiter beglei- tet sie ständig, wir stehen auch in regelmäßigem Kontakt zur Schule. So fokussieren wir uns sehr darauf, unsere jungen Kollegin- nen und Kollegen in ihrer Persönlichkeit zu entwickeln und da- bei immer wieder zu reflektieren: Was passiert gerade?Wie geht es einem? Aber das meiste lernen unsere Azubis in den Gesprä- chen mit Kolleginnen und Kollegen. Wir haben Mitarbeitende, die seit mehr als 40 Jahren im Unternehmen sind. Da erfahren sie die eigentlich interessanten Geschichten. Zum Beispiel wie ein Kollege seine Ausbildungsstelle bei Montblanc erst beim zweiten Versuch bekommen hat und jetzt als leitender Ange- stellter um die ganze Welt fliegt, um die Schönheit unserer Handwerkskunst zu vermitteln. Müssen die Azubis bei Montblanc eigentlich eine gute Handschrift haben? Wir haben keinen Schreibtest. Undwir arbeiten auch nicht mit grafologischen Gutachten. Allerdings wollen wir das Schreiben wieder relevanter machen. Deshalb bieten wir hier im Mont- blanc-Haus Kalligrafie-Kurse an für Erwachsene, aber auch Schulklassen. Wir wollen die Leute wieder dazu inspirieren zu schreiben. → WWW.HANDELSKAMMER-HAMBURG.DE 23

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