Februar / März 2020

HAMBURGER WIRTSCHAFT 54 FOTOS: PRIVAT, STEFAN BUNGERT KONTROVERS DISKUTIERT Ist die E-Mail überholt? PRO KONTRA Als Erfinder der E-Mail gilt der Programmierer Ray Tomlinson, der 1971 den ersten elektronischen Brief über einen Großrechner ver- schickte. Schon damals befand sich das „@“-Zeichen zwischen Benutzer- und Rechnernamen. Zu Beginn der 1980er-Jahre entwickelten sich parallel zum In­ ternet in den meis- ten Netzwerken E-Mail-Systeme. In Deutschland wurde am 3. August 1984 um 10:14 Uhr MEZ die erste Internet-E-Mail empfangen. Derzeit werden knapp 300 Milliarden E-Mails pro Tag versandt. Ja, sie ist ineffizient Lars Suhren (32) Mitgründer der NGO doin’ good Wir sind eine NGOmit vielen jungenMenschen und haben schnell festgestellt, dass für unsere interne Kommunikation E-Mail ungeeignet ist. Bei diesem Tool gibt es aus meiner Sicht etliche Probleme. Es fängt mit dem Adressatenkreis an. Wer soll die Nachricht erhalten? Wenn ich jemanden ver- gesse, dann ist der auch vergessen und bekommt eine wichtige Diskussion nicht mit. Wenn ich mich be- wusst dafür entscheide, jemanden herauszulassen, weil ich annehme, dass dies sinnvoll ist, kann es sich imNachhinein als falsch erweisen. Chance vertan! Zudem halte ich den Organisationsaufwand bei E-Mail für zu hoch. Ich muss alles manuell eingeben, zum Beispiel Empfänger auswählen und E-Mails als „gelesen“ oder „ungelesen“markieren. Unddannnoch eigene Ordner anlegen. Das alles finde ich ineffizient. Es kostetmich Zeit, die ich produktiv nutzen könnte. E-Mails sind darüber hinaus förmlicher, weil faktenlastig. Für externe Kommunikation ist das oftmals passend, für interne nicht. Innerhalb eines Teams möchte ich ja gerade informell kommunizie- ren, umso auch Emotionen zu transportieren. Wir nutzen deshalb bei doin’ good Slack. Dieses Chat-Tool bietet komplette Infotransparenz. Wir schaffen einzelne Themenchannel, bei denen alle mitlesen können. Jeder kann sich an der Diskussion beteiligen und seine Ideen oder Kontakte einbrin- gen. So wird das Wissen aller in der Organisation nutzbar gemacht. Bei Slack gibt es keinen abge- schotteten Diskurs, wie wir es von E-Mails kennen. Der Ton ist wärmer und familiärer. Mehr Dialog und gemeinsames Entwickeln von Gedanken anstatt Übermittlung singulärer feststehender Inhalte. Klar, um Tools wie Slack nutzen zu können, ist ein Lernprozess nötig. Ich bin überzeugt, dass das altersunabhängig funktioniert, auch bei denjeni- gen, die mit E-Mail groß geworden sind. Sie müssen sich allerdings auf etwas Neues einlassenwollen. Nein, sie ist innovativ Alexander Bernhardt (49) Geschäftsführender Gesellschafter hauptsache.net GmbH Die E-Mail ist rund 50 Jahre alt. Ich bin sicher, dass es sie auch in weiteren 50 Jahren noch geben wird, wenn andere Dienste schon wieder verschwunden sind. Angeblich zukunftsweisende Tools wie Jabber oder AOL Instant Messenger sind längst Geschichte. Sie haben den Sprung ins mobile Zeitalter nicht ge- schafft, die E-Mail schon. Für den Erfolg und das Fortbestehen der E-Mail gibt es gute Gründe. Dieser Dienst ist komplett de- zentral, er lässt sich nicht zensieren und abschal- ten. Sie haben die freieWahl des Providers und kön- nen sogar selbst einen E-Mail-Server betreiben. Ein weiterer Vorteil: Es ist ein offener Standard, un­ abhängig davon, mit welcher Technik Sie lesen. Und E-Mails sind anders als Chats sehr gut archivierbar. AllesWichtige (be)findet sich in der Postbox. Natürlich haben E-Mails derzeit technische Grenzen. So können noch keine dynamischen In- halte innerhalb einer Nachricht angezeigt werden. Auch ist das Zusammenarbeiten mehrerer Men- schen sehr limitiert. Doch viele Unternehmen, da- runter auch Google, beschäftigen sich intensiv da- mit, die E-Mail noch leistungsstärker zumachen. So wird an neuen Features wie der Verbindung von Buchungen und entsprechenden automati- schen Kalenderfunktionen gearbeitet. In Delta Chat gibt es einen neuen Messengerdienst, der das E- Mail-Protokoll verwendet. Auch deshalb sehe ich eine konstante, wenngleich langsame Entwicklung. Die E-Mail ist durchaus innovativ. Die Klage, dass zu viele Mails verschickt würden, kann ich nachvollziehen. Doch das Massenaufkom- men in etlichenUnternehmen hat nichtsmit der Tech- nik als solcher zu tun. Es liegt an einer Firmenkultur, inder es anVertrauenmangelt und deshalb „Nachrich- ten an alle“ der Absicherung dienen. Richtig einge- setzt, ermöglichen E-Mails sehr gut zielgerichtete Kommunikation. Das gilt heute und auch inZukunft.

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