Februar / März 2020
HAMBURGER WIRTSCHAFT 52 TECHNIK DER MODERNE Wir zeigen, dass alle Zukunft in der Vergangenheit wurzelt. PROF. DR. RAINER-MARIAWEISS cken sollte, aus Kupfer zu sein – also feiner, als es tat- sächlich war. „Schon vor 3000 Jahren hatten Dinge oft einen Wert abseits vom Nutzen“, erklärt Kurator Weiss und fügt lachend hinzu: „Ein klarer Fall von ‚hot stuff‘.“ „hot stuff“ – so heißt auch die gut sortierte Aus- stellung südlich der Elbe, nachdem ihr Arbeitstitel beerdigt wurde: „Voll Steinzeit“. Diesen markanten Spruch stieß die Tochter des gebürtigen Bayern beim Schreiben ihrer Abschlussarbeit angesichts der Mängel aktueller Kommunikationstechnik aus – bis ihr Vater einwandte, er habe noch an der elektri- schen Schreibmaschine studiert. Damit war die Idee für „hot stuff“ geboren: Fortan suchte das Museumspersonal auf Dachbö- den, Flohmärkten und Auktionsportalen alles zu- sammen, was die moderne Konsumgesellschaft einst prägte – und investierte dafür insgesamt rund 10 000 Euro. Das Ergebnis ist eine herausragende Sammlung der Archäologie des Alltags, die uns auf eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Zeitreise durchs Uni- versum materieller Vergänglichkeit entführt. Zeit- lich endet diese vorerst beim ersten iPhone, das am Anfang der Ausstellung zwischen dem Motorola- Knochen und einem BlackBerry-Handy hinter Ple- xiglas prangt. Etwasmittiger erinnert einHandy der Marke Nokia ans gefühlte mediale Präkambrium vor kaum zehn Jahren, als der finnische Hersteller drei von vier Mobiltelefonen weltweit verkaufte. Und so geht es weiter und weiter und weiter durch die Vergangenheit, die noch vor Kurzem als Zukunft gefeiert wurde … Galerie der Vergänglichkeit Eines der Highlights dieser Zeitreise durch die Spät- moderne ist das liebevoll nachgebaute Wohnzimmer der Achtziger (Bild Seite 50): VomWählscheibentele- fon bis zu Stereoanlage und Röhrenfernseher samt – damals neuer – Fernbedienung präsentiert es früher brandheiße Einrichtungsstücke, von denen keines mehr Platz imHeute findet. Gleiches gilt für Farbfilm und Super 8 in der Fotoabteilung, Ghettoblaster und Kassettenrecorder im Audiobereich, für das Spiel „Space Invaders“, für „Monchichi“-Puppen oder Computerzubehör wie die Floppy Disk. Auch Bürotechnik wie Faxgerät oder Overhead- Projektor darf nicht fehlen, und nicht selten wurde sie für die Ewigkeit angeschafft – bis unsere Über- flussgesellschaft schnelllebige Produkte wie den Handkreisel Fidget Spinner hervorbrachte, von dem nur Monate nach der Marktreife Millionen im Keller landeten. Abgesehen vom nostalgischen Genuss und dem interaktiven Spaß, einst vertraute Geräte neu zu Von der Kassette zum Audiobereich: Die Farb- linien führen Besucher durch die Ausstellung Wählscheibentelefon, Karteikarten-Ablage und Stehlampe: So sah noch vor wenigen Jahrzehnten ein Büro-Arbeitsplatz aus
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